Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 443 (sequence 7)
- Language
- German
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443 Demgegenüber sei in diesem Zusammenhang von S.teinheim festgestellt, was wir bei Bacon vermissen: Bei allen Schwierigkeiten, die der Versuch der Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode, speziell der Induktion, auf die Metaphysik und Religion mit sich bringt, das ehrliche und konsequente Bemühen, diese Methode nun auch überall gelten zu lassen. Dort Kapitulation, vor den herrsehenden religiösen und politischen Verhältnissen, Anpassung an die religiöse Praxis, hier die sicherlich nicht leicht gefallene Preisgäbe der Vernunft und ihrer alles erfassenden Erkenntnismöglichkeit. Die baconische Scheidung von Glauben und Vernunft zieht sich in der Folgezeit weiter durch die französische und englische Philosophie und führt nach kurzer Zeit zur Entscheidung, dergestalt, daß zunächst in Frankreich der Glaube zu Gunsten der Vernunft die Vorherrschaft bekommt. Diese Resignation der Vernunft und die daraus folgende Flucht in den Glauben charakterisiert den Skeptizismus. Seine bedeutendste Erscheinung ist Pierre Bayle, der auf Steinheim den größten Einfluß ausgeübt hat. Er zieht ihn außerordentlich oft heran, meistens mit der Absicht, in ihm einen maßgebenden Verkünder seiner eigenen Ansichten zu finden. Wenn es sich darum handelt, die Unfähigkeit der Vernunft darzutun und ihre nicht zu lösenden Widersprüche in sich und mit der Offenbarung aufzudecken, greift Steinheim mit Vorliebe auf ihn zurück. Aus allen Widersprüchen zwischen Glaubensüberlieferung und Vernunft und aus der Erkenntnis der Erfolglosigkeit aller Versuche, hier eine Uebereinstimmung zu gewinnen, gibt es keinen anderen Ausweg, als sich blind in den Glauben zu stürzen; damit ,wäre denn dieser blinde Glaube nach dem Aufgeben der Vernunft der Weisheit letzter Schluß, und völliger Skeptizismus das Endergebnis aller Philosophie. Aber dabei dürfen wir nicht stehen bleiben, wenn wir Bayle richtig verstehen wollen.:. Wohl ist es nicht möglich gewesen, Vernunft und Glauben, Philosophie und Offenbarung auf einen gemeinsamen Renner zu bringen, aber diese Tatsache spricht sowohl gegen die Philosophie wie gegen den Glauben. Bayle kämpft •gegen zwei Fronten.: gegen den Glauben, dem die Vernunft in den wichtigsten und grundlegendsten wie in den einfachsten Fragen widerstreitet und gegen die Vernunft, die zwar imstande ist, die Widersprüche des Glaubens aufzudecken und festzunageln, darüber hinaus aber auch nicht das Geringste vermag, die wohl dazu taugt, zu zertrümmern und zu zerstören, aber nicht aufzubauen. Aus diesem Zweifrontenkampf erwächst das Gesamtbild und die Gesamtpersönliclikeit Bayles, die wir erkennen1, wie sie Steinheim nicht erkannt hat; erwächst seine Gestalt und seine philosophische Bedeutung, die . Steinheim in einer gewissen Ironie des Schicksals nicht erfassen konnte, weil er in dem Irrtum befangen war, Glaubensprimat und Skepsis seines Lehrers für das Ganze zu nehmen, das in Wirklichkeit darin bestand, daß dieser Glaubensprimat und die Skepsis, aus der er resultiert, ein grausamer Sarkasmus war. Denn alle die Einwände, die die Vernunft gegen den Glauben macht, bleiben im Bewußtsein lebendig und sind stärker und mächtiger als das .späte Eingeständnis, daß die 1 Vgl. die Biographie Bayles von Ludwig Feuerbach,