Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 6 · p. Seite 442

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 6
Article
Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
Date
1930-01-01
Page
Seite 442 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2829132-2829967-2829974-2836511--50135-2836594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

442 tioxi veranlaßt eine Reihe von Denkern, namentlich Bacon und Hobbes, die Philosophie auf die Naturwissenschaften zu beschränken, eine metaphysische Erkenntnis Gottes usw. abzulehnen und auf diesem Gebiete nur das Dogma reden zu lassen. Wir dürfen jene Rücksicht somit auch bei der Behandlung unseres Problems der Offenbarungskritik erwarten. In der Tat läßt sie sich bei dem größten, umfassendsten Philosophen jener Zeit nachweiseil. Für Bacon ist die Theologie eine doppelte: Es gibt eine rationale, natürliehe, die innerhalb seines philosophischen Systems steht, und eine geoffenbarte, die jenseits aller Philosophie, allen Wissens und aller Systeme ist. Die erstere ist wissenschaftlich, sie schließt von Wirkungen auf Ursachen und in ihr spielt denn auch der kosmologische Gottesbeweis eine große Rolle. Es gibt keine Schwierigkeiten in ihr, also auch keine Kritik־: Die Offenbarung Gottes besteht in der Gesetzmäßigkeit der Welt; da sich alles natürlich abspielt, gibt es in dieser natürlichen Theologie nichts Uebernatürliches, keine göttliche Gnade und keine überirdische Erleuchtung. Die eigentliche geoffenbarte Religion aber beginnt erst jeixseits dieser natürlichen Grenzen, ohne Brücke, ohne Uebergang, ohne Beziehung. Hier ist alle menschliche, vernünftige Erkenntnis zu Ende; hier gibt es kein Wissen mehr, erst recht also auch keine Kritik. War diese in der natürlichen Theologie überflüssig, so ist sie in der geoffenbarten unmöglich, denn es gibt gar keinen Ansatzpunkt. Wir müssen das Schiff des menschlichen Verstandes verlassen, und uns völlig den! göttlichen, dem der Kirche anvertrauen, wollen wir ans Ziel gelangen; die Sterne der Philosophie, die uns bisher geführt haben, genügen nicht mehr1. Besteht also völlige Trennung, dann kann es auch keine Prüfung der Offenbarung geben, denn wer sollte sie vornehmen? Jeder Protest der Vernunft gegen das Widervernünftige ist zwecklos, im. ■Gegenteil, •je vernunftwidriger der Glaubensinhalt ist, um so glaubwürdiger ist er. (Quando igitur mys-terium aliquod divinum fuerit magis absonum et incredibile, tantp plus in credendo exhibetur honoris Deo . . .) Kuno Fischer2 hat diesen Gedanken weiter ausgesponnen und ihn insbesondere mit der Scholastik und mit Tertullian in Verbindung gebracht, mit welchem Bacon die radikale Trennung von ■Glauben und Wissen, von Religion und Philosophie gemein hat; insbesondere verweist^ er auf die einheitliche, geschlossene, in ihrem Ganzen Widerspruchsfreie Haltung Tertullians dem Wissensobjekt, dem sinnlichen wie dem übersinnlichen gegenüber: hier die Vernunft, dort als Ergänzung der Glaube und die Offenbarung; dagegen bei Bacon jener doppelte Riß, der sein Schaffen durchzieht: die Teilung der Theologie in natürliche und geoffenbarte; die Begründung der einen Hälfte aus der Vernunft, die der anderen, wenn überhaupt eine Begründung sein darf, aus der Autorität; hier die glatte Einordnung in das System, in den globus intellectualis, dort die Abweisung jeder Systembindung. Dazu der Riß zwischen Naturwissenschaft und Theologie, der das sonst so außerreligiöse Lebenswerk Bacons aufspaltet. 1 De augm. scient. IX, 1. 3 GeschcL n. Ph., X? Kap. 23,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.