Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 441 (sequence 5)
- Language
- German
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441 sein. ־־— Dies nun ist der Punkt, an dem sich Steinheim mit Anselm berührt und, wenn wir einmal Grabmann1 folgen, gleichzeitig von ihm unterscheidet. Beide gehen ein •Stück Weges gemeinsam, aber Steinheim geht ihn weiter, indem er sich nicht bloß darauf beschränkt, dem Glauben die Vorrangstellung und die Grundlegung der Erkenntnis da einzuräumen, wo es um die Einsicht in die religiösen Aussagen geht, sondern indem er, auf Grund seiner Theorie von der; Wirklichkeitserkenntnis und auf Grund des Unvermögens der Vernunft auf diesem Gebiete, die Analogie auf die Offenbarung wagt. Ist nach beiden Denkern die rein apriorische Deduktion religiöser Sätze und Dogmen nicht zu rechtfertigen, so gilt dies für Steinheim bezüglich aller apriorischen Sätze überhaupt: Anselm ist kein prinzipieller Skeptiker; für ihn existiert ein Intellekt, der als intellectus fidei keine natürliche Macht, sondern ein Geschenk übernatürlicher Gnade ist. Dies wiederum ist nun etwas, was es für Steinheim überhaupt nicht gibt: seiner Philosophie fehlt dies für das christliche Denken unentbehrliche Moment völlig, und es ist daher eine berechtigte Frage, ob er trotz seiner warmen Begründung und Verteidigung religiöser Sätze als ein homo religiosus bezeichnet werden kann: es ist ein tiefer Unterschied, ob die Scholastik die antike Dialektik in das Offenbarungsdenken einfügen wollte, oder ob e r naturwissenschaftliche, exakte, induktive Methode an die Theologie heranzubringen sich bemühte, um auf diese Weise die Objektivität der Dogmen darzutun. Es ist ein fühlbarer Mangel an spezifisch religiösen Elementen, wenn der Glaube nur ein Erkenntnisfaktor, wenn auch der höchste und im Menschen von Natur aus angelegte, ist und nicht wie nach!Thomas von Aquino ein Verdienst des freien Willens, der auf Gottes Befehl durch die Gnade bewegt wird. (. . . credere est actus intellectus assentientis veritati divinae ex imperio voluntatis a Deo motae per gratiam . . . S. Th. II. 2 qu. 2 art. 9.) Gewiß, Steinheim würde dem entgegenhalten: Mein Glauben ist ja auch eine dem Denken abgenötigte Zustimmung, ein actus intellectus assentientis veritati, aber ich kann weder einem imperium voluntatis a Deo motum per gratiam zustimmen, noch dieses imperium voluntatis mit der gratia Dei zusammenbringen; das eine nicht, weil Erkenntnis, auch Glaubenserkenntnis, überhaupt keine Willenshandlung ist, sondern ein Ueberzeugtwerden, Sich-nicht-verschließen-können, ein Müssen, das andere nicht, weil — selbst wenn ich wirklich in die Erkenntnis ein voluntaristisches Motiv hineinbrächte — ich als Schüler Kants das imperium voluntatis keiner anderen Macht, und sei es selbst der Gottes, unterordnen darf. Wenn es für mich eine Willensfreiheit gibt und wenn ich ihre Existenz nicht bloß postuliere, sondern in meinem System mit allem Nachdruck exakt aus der Schöpfung heraus folgere, so gilt sie'doch nur auf dem Gebiet der Ethik. Ihr irgendwelche erkenutnistheoretische Bedeutung zuzumessen, geht nicht an2. — Die Rücksicht auf die überlieferte und um die Wende des 17. Jahrhunderts noch keineswegs überwundene scholastische Tradi- 1 Grabmann, Die Geschichte der Scholastischen Methode,®Freiburg 1909, I, S. 280. 2 Steinheim, Offenbarung, II,״S. 151.