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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 6 · p. Seite 440

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 6
Article
Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
Date
1930-01-01
Page
Seite 440 (sequence 4)
Language
German
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440 aber bleibt die zwiefache Bedeutung des absurdum hindernd im Wege: einmal als das Außer- und Ueber- (d. i. Wider-) vernünftige, das andere Mal als das Vernunfterzeugte selbst, so daß es sich fragt, ob die Steinheimsche ״Zumutung“ nicht am Ende größer ist als die patristische, und ob die etwas zu laute Entschuldigung nicht die unbewußte Selbstanklage übertönen soll. — Ist also der Sturmlauf Steinheims gegen die Patristik und gegen das credo quia absurdum ungerechtfertigt, so liegt für seine abweisende Haltung, die er der Scholastik gegenüber einnimmt, noch weniger Anlaß vor. Wenn Anselm von Canterburys Motto: credo, ut intelligam ,,den Fortgang von der Unmittelbarkeit des Glaubens zu dem erreichbarem Maße wissenschaftlicher Einsicht fordert, aber durchaus nur in dem Sinne, daß der im voraus bereits als Dogma feststehende Glaubensinhalt schlechthin unangetastet bleibe und die absolute Norm für das Denken sei“1, so deckt sich der erste Teil dieser so ausgedrückten Forderung ja fast wörtlich mit der Intention unseres Autors, die exakte Wissenschaftlichkeit der biblischen Offenbarungslehren darzutun. Der Inthronisation des Glaubens (der Pistis) und der Hintanstellung der Vernunft geht zwar eine;Kritik der letzteren vorauf, aber das Endergebnis ist und bleibt, doch nun. einmal jene Vorherrschaft des unmittelbaren, glaubensmäßigen Erlcennens und seine Anerkennung als Norm. Halten wir uns an die zitierte2 Charakteristik Anselms, so wird die nun geradezu als scholastisch bezeichenbare Denkweise Steinheims noch evidenter: ,,Das Resultat der Prüfung (des Glaubensinhaltes) darf nur ein bejahendes sein. Ist es in irgend einem Betracht verneinend, so ist ebendamit das prüfende Denken selbst als falsch und sündig erwiesen, indem das kirchlich sanktionierte Dogma der adaequate Lehrausdruck der von Gott geoffenbarten Wahrheit ist.“ Wichtiger aber ist jene methodische Verwandschaft mit Anselm: Dieser versucht nach dem Vorbilde Lanfrancs die begonnene An- Wendung der Dialektik auf die Theologie völlig und — was das Entscheidende ist — systematisch durchzuführen: Mit einer bloßen Uebemahme des Glaubensinhaltes ist es nicht getan, aus dem credere soll ein intelligere werden; es gilt, einen Einblick in die Glaubenssätze. zu gewinnen, der durch einen Einblick in das Wesen und die Wirkungsweise des Intellekts gegründet und gefestigt wird. So ist der Ausgangspunkt der Erkenntnis der Glaube; wer ihn nicht hat, wird nicht erfahren, wer nicht erfährt, wird nicht verstehen. (De fide trin. c. 2.) Er ist die unumgängliche Voraussetzung für alle Erkenntnis, nicht etwa Ueberbau oder gar Ersatz. Andererseits beruht aber nicht jede menschliche Erkenntnis auf der Offenbarung, auf dem Glauben; das credo ut intelligam drückt nicht etwa ganz allgemein das Verhältnis zwischen Glauben und Wissen aus (Grabmänn gegen Prantl, Ritter, Ueberweg-Heinze). Es bezieht sich nur auf die christlichen Glaubensformeln, im übrigen hat die Vernunft die Kraft, ein volles inhaltliches Verstehen der Glaubens- Wahrheiten zu erlangen, so daß dieselben aufhören, Geheimnisse zu 1 Ueberweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie, II, 1928, S. 192. 2 Ebendort.

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