Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Judenpolitik Königs Karl I. von Sizilien in Anjou und in der Provence
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 436 (sequence 8)
- Language
- German
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436 darauf für den Vorsteher der Juden in der Provence, Bentifac1. Er dürfe von den Inquisitoren nicht gezwungen werden, zwei Zeichen von verschiedenen Farben ,,hinten und vorn“2 zu tragen3. Am gleichen Tage wurde der Seneschall der Provence angewiesen, denjenigen Vertretern (procuratoribus) der Juden seiner Provinzen, die in Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft zum König von Sizilien zu reisen hatten, Ersatz ihrer Kosten nach dem Satz, wie ihn andere Vorsteher der Juden erhielten, zu vergüten4. Das Wirken des Inquisitors, des Franziskanerbruders Bertrand de Rocca, in den südfranzösischen Fragschaften König Karls ging weiter. Es richtete sich gegen Christen, die zum Judentum übertraten5, und gegen Juden, die den Uebertritt begünstigten6. Den Inquisitoren sollten laut königlicher Verfügung dieselben Ausgabeposten wie in den Ländern des französischen Königs bewilligt werden; die beschlagnahmten Güter, seien es bewegliche, seien es unbewegliche, wären für die Staatsverwaltung sicherzustellen. Die letzte Verfügung, die bezüglich der proven^alischen Juden aus den anjouinischen Registern bekannt geworden ist, betrifft die jüdischen Bewohner, die zu einem bestimmten Kastell gehörten und die auf Wunsch der übrigen pro vengalischen Juden zu den gemeinsamen Abgaben auch herangezogen werden sollten, weil sie nach Angabe ihrer jüdischen Mitbürger sehr reich7 8 wären3־. Welche Ergebnisse liefern also die im Vorstehenden analysierten Dokumente? Das Verhältnis Zwischen den Juden und der dem König Karl von Sizilien unterstehenden Landschaften und ihm ־selbst war auf dem Prinzip des ,,do ut des“ aufgebaut. Die Juden waren für den König eine sehr ergiebige Einnahmequelle, der er bei seiner chronischen Finanznot nicht entraten konnte. Er holte aus ihnen sehr erhebliche Beträge heraus. Dafür schützte er sie in seinem eigenen Interesse. Vor allem verhinderte er oder suchte es wenigstens zu verhindern, daß auch die Kirche durch ihre Inquisitoren seine Juden zu dem gleichen Zweck benutzte. Da die: Ergiebigkeit der Einnahmen durch Tragen von Abzeichen behindert wurde — die Juden störte dies in ihrem Erwerb —- legte er auf diese Dinge geringen Wert. Man scheint sich mit nur wenig auffallenden Abzeichen begnügt zu haben. Jede neue Vergünstigung mußte von den Juden mit neuen Zahlungsversprechen erkauft werden. Dies machte umständliche Reisen jüdischer Vertreter an den Hof des Königs nach Sizilien von Frankreich aus notwendig. Die prominenten Vertreter der Juden scheint der König entgegenkommend behandelt zu haben. Hing ja von ihnen viel für das tatsächliche Aufkommen der veranlagten 1; Judaeorum' Provinciae procurator. 2ג ,,retro et ante“. 3 Boüard a. a. O. S. 296, Nr. 958. 4 Boüard a. a. 0. S. 297, Nr. 959. 5 Contra reprobos Christi anos, qui de Chris tiani täte ad judaysmum venmnt. ־ 6 Contra judeos inducentes Christianos ad judaysmum. 7 fore dirites. 8 Boüard a. a. 0. S. 315, Nr. 1000.