Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 411 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829967-2829974-2836506--50096-2836563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
411 sollte. — Hingegen entfaltete ein großes Aufgebot von Missions־ Unternehmungen für die Verehrung Jesu eine weitgehende Werbetätigkeit. Wenn also hier Verehrung verlangt wird, so meint man keineswegs Menschenverehrung, wie man sie hervorragenden Gestalten der Weltgeschichte gleichsam von selbst entgegenbringt, sondern göttliche Verehrung, die auch ein Mendelssohn, der aufgeklärteste Jude seiner Zeit, nicht leisten konnte. Dieser Unterschied zieht sich durch die ganze Jesus-Frage, soweit sie für M. in Betracht kam. Wenn Jesus Mensch war, so erscheint der Prozeß, der gegen ihn geführt wurde, als ein Prozeß gegen einen Menschen. Einerlei, wer den Prozeß geführt hat, einerlei, wer über den Menschen das letzte Wort gesprochen hat, ob Sadduzäer oder Pharisäer, ob das Synhedrion oder Pontius Pilatus. Der Prozeß gegen einen Menschen als solchen wirbelt keine weiten Wellen auf. Das Todesurteil über Sokrates wurde in aller Ruhe zur Kenntnis genommen. Es hatte keinerlei ernste Folgen, weder für die Richter noch für das Volk. M. lehnt auch hier mit vollem Bewußtsein eines Kenners durchschnittlichen Menschengeschehens die persönliche Verantwortung für die Hinrichtung Jesu ab: ,,Was weiß ichs, was meine Vorfahren vor 17—1800 Jahren zu Jerusalem für gerechte oder ungerechte Urteile gefällt haben?“ Er könnte nicht einmal die Verantwortung für die Urteile der königlich preußischen Gerichte seiner Zeit übernehmen (weiteres hierüber Einleitung S. XLIX). Verstandes gemäß kann sich M. mit dem Dogma keineswegs vertraut machen, daß das Leiden der Juden seine Rechtfertigung finde in dem Nationalverbrechen, daß sie gegen Jesus begangen haben. Er kannte nur zu gut die Quelle dieser Leiden: ,,Man hält uns sorgfältig unter dem Drucke, um uns desto siegreicher widerlegen zu können/' (R. S. LXI, vgl. auch S. LX.) Aus diesem Grundgedanken fließt m. E. auch die Tatsache, daß M. das Dogma vom Leiden Jesu um der gesamten Menschheit Willen mit einer kurzen Bemerkung ablehnt: ,,Kein Individuum leidet in der Haushaltung Gottes, bloß Anderen zum Besten." Der von Missionsinteressen inspirierte Verkehr zwischen Lavater, Mendelssohn und Bonnet hat noch eine Reihe anderer Probleme dogmatischer Natur aufgeworfen. Es würde aber den Rahmen einer Besprechung sprengen, wenn wir auf sie im einzelnen eingehen wollten. Wir beschränkten uns daher auf ein Beispiel, das sich etwa im Mittelpunkt des Fragenkomplexes befindet. Wir möchten jedoch dem Leser gegenüber eine Schuld erfüllen, indem wir für die wichtigsten anderen Fragen die Fundstellen in der Einleitung von Rawidowicz in alphabetischer Ordnung angeben, weil wir für Band 7 kein Register haben und wir bei Rawidowicz nicht nur Erklärung, sondern auch Quellennachweise finden. Aufklärung, Naturreligion und Offenbarungsreligion insoweit sie nach M. harmonisiert werden können XGIX. Beste Juden und beste Christen, gemeinsam in der praktischen Betätigung der Ethik LXXXIV. Christentum und Christentümer, sie lassen sich unter keine Einheit bringen XXVII f. ,,Gegenbetrachtungen“ nucleus der jüdischen. Religionsphilosophie M.s XCV. Gemeinsame Wahrheiten auch noch nicht ganz ausgearbeitet XXVI, XLFV