Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 410 (sequence 10)
- Language
- German
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410 Herzen emporkamen. Aber auch in diesem, Punkte wurden von ent־ gegengesetzter oder genauer, von judenfeindlicher Seite falsche Buchungen gemacht. Man buchte bloß, was dieser oder jener J u d: e gesagt hat; man hütete sich aber vor Selbstgeständnissen. Man schwieg von den verschiedenen. Unmenschlichkeiten und Grausam־ keiten, von den planmäßigen Quälereien und Verfolgungen, die man sich Juden gegenüber im Namen des Christentums, ja 1m Namen Jesu erlaubt hat. Täuschen wir uns nicht, sagt ein moderner Schriftsteiler, der im Dienste der Kirche steht (Georg Danby, Kanonikus der Kathedrale zu Jerusalem, in seinem Buche The Jew and Christianity, S. 38), daß die Kirche sich durch ihre eigenen Willküriichkeiten als gigantisches und fast undurchdringliches Hindernis zwischen sie (die Juden) und den gesegneten Herrn (Jesus) gestellt hat. Danbv spricht hier und auch sonst von den Willkürlichkeiten der Kirche mit ziemlicher Offenheit. Mendelssohn konnte naturgemäß diesen Punkt nicht unberührt lassen. Er kennt freilich auch das Dogma von der Verstocktheit der Juden, sieht aber in der Verachtung der Juden und in der Verschlimmerung des jüdischen Schick■־ sals seitens der Kirche (soweit sie ihm aus älteren Zeiten-, zum Teil auch aus eigener Zeit bekannt ist) eine etwas kr ä f t j g e N ach hi 1 f e zur Aufrechterhaltung■ der Exegese vom Willen Gottes, der nach Auf־ fassung der Kirche darauf hinausgeht, in der Härte des jüdischen Schicksals der Welt einen Beweis von der Wahrheit des Christentums zu liefern. Nur hat M. zwei logische Einwendungen gegen diese Beweisführung: a) ,,Wozu die Menge Widerlegungen des Juden־ tums, da wir doch, wie jeder Schüler weiß, am Boden liegen?״', b) Wozu die eifrige Bekehrungspolitik, die, wenn sie gelingt,, diesen wichtigen Beweis für die Wahrheit des Christentums aufheben würde? (R. S. XXXIV.) Aus diesem Fundamentalunterschied zwischen dem Gott-Jesus des Christentums (auf die neueren Glaubensströmungen braucht hier keine Rücksicht genommen zu werden) und zwischen dem Jesus, wie er außerhalb des Christentums gesehen und beurteilt wird, versteht man es auf den ersten Blick, warum M. es L. verübelt bat, daß er bei Bezugnahme auf die Achtung, die M. für Jesus hatte, die daran geknüpfte Bedingung verschwieg. Diese Bedingung gehört ja zum Wesen der Sache. Die Menschheitsgeschichte hat z. B. eine nicht geringe Reihe von hervorragenden Persönlichkeiten aufzu־ weisen. Es hat sich aber niemals eine Vereinigung zusammengetan, um für die berühmten Gestalten der Geschichte Verehrungs־ und Hochachtungserklärungen zu sammeln, oder mit anderen Worten, eine Propaganda großen Stils in dieser Richtung einzuleiten. Wie man zu Sokrates, Aristoteles und Platon zu stehen hat, läßt man ruhig Privatsache jedes einzelnen Menschen sein. Und die Natur richtet es schon von selbst so ein, daß die Kenner des Lebens und der Werke dieser wertvollen Männer eine höhere und tiefer dringende Achtung aufbringen werden, wie die anderen, die einen Aristoteles usw. nur vom Hören-Sagen kennen. Es wird auch keine wissenschaftliche Gesellschaft so weit gehen, für irgend einen Klassiker mit Feuer und Schwert einzutreten, wenn von einer anderen Seite her eine gegenteilige Meinung über diesen Klassiker auftauchen