Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 409 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829967-2829974-2836506--50094-2836561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Job 1× ep/1005326
OCR text
409 lichkeit getan, aber mit Hinzufügung einer gewissen Bedingung oder Voraussetzung. — L. klammert sich an diese von M. ausgesprochene Hochschätzung und nimmt sie als Anlaß in der Zueignungsschrift, läßt aber die Bedingung, die M. hinzugefügt hat, weg (die Hoch- Schätzung M.s galt nämlich dem Menschen und nicht dem Gotte Jesus). Diese Weglassung der Bedingung verübelt ihm M. und er konnte nicht anders, denn darauf gründete L. seine irrigen Voraussetzungen und Konsequenzen bezüglich M. Eine menschliche Größe fällt unter eine ganz andere Beurteilung als G o 11. — Eine menschliche Größe kann sich niemals der Kritik entziehen, auch ein Abraham, auch ein Moses nicht. Die jüdische Auffassung kennt keinen Menschen, den man nach menschlichen Maßstäben nicht messen und nach menschlichen Denkgesetzen nicht beurteilen dürfte. — Das alles ändert sich von Grund auf, wenn man nicht einem Menschen, sondern einer Gottheit gegenübersteht. Der Gottesbegriff gebietet dem religiösen Menschen ein Stillestehen, verbietet alle menschliche Kritik. Wenn ein Mensch, und sei es eine Persönlichkeit von höchstem Ansehen, ein Schiff durchbohrt und hunderte von Menschen ums Leben bringt — Menschen, die zu seinen treuen Anhängern zählen, also nicht Feinde —, so wird sich die Menschheit keineswegs mit der resignierten Redensart zufrieden geben: ״Er weiß, was er getan hat, bloß wir verstehen es nicht“. — Anders steht die Sache, wenn ein Sturm das Schiff zum Sinken gebracht hat; wenn eine Ueberschwemmung fruchtbare Gegenden vernichtet; wenn ein Blitz, wenn ein Erdbeben Verwüstungen angerichtet hat. — Bei all diesen Heimsuchungen bleibt einem frommen, gläubigen Gemüt nichts anderes übrig als dem biblischen Ijob, der nach der letzten Unglücksbotschaft ausrief: ״Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, der Name Gottes sei gepriesen“. Dieser Grundunterschied zwischen Mensch und Gott nimmt seine schärfste Form in der Stellungnahme zu Jesus an. Jesus ist der Name, unter dem das Christentum einen Gott verehrt, in dem aber das Judentum (oder das Nichtchristentum im allgemeinen) einen Menschen sieht. Diese verschiedene Einstellung zu Jesus hat das Mittelalter zum grausamsten Zeitalter der Welt gemacht, und nicht nur für die Juden, sondern für die Menschheit im allgemeinen: eine leichte Abweichung von der kirchlich genehmigten Gott-Mensch- Definition hatte in den meisten Fällen sehr traurige Folgen. Und dieser Gott-Mensch-Kampf um Jesus bildete die Fallgrube auch bei religiösen Disputationen zwischen Juden und Christen. Wenn einmal der führende Disputant zu diesem Punkte angelangt ist, befand er sich auf felsenfestem Boden. — Schon das Hineinbeziehen Jesu in die Sphäre des Menschlichen seitens des jüdischen Gegners mußte als Lästerung erscheinen. Jede Kritik, und wenn sie gleich nicht über das hinausging, was auch über hochgeehrte biblische Personen gesagt wurde, mußte dem inquisitorischen Geist der Kirche als Blasphemie erscheinen, schon aus dem einfachen Grunde, weil von ihrem Standpunkte aus das Göttliche menschlich behandelt wurde. — Gewiß, es gab auch Schmähungen, wirkliche Schmähungen, die wie sonstige Schmähungen und Gemütsausbrüche aus verbittertem