Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 407 (sequence 7)
- Language
- German
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etwas Neues gebracht. Hätte sich Lavater mittelalterlicher Muster bedient, so ־wäre seine auf Bekehrung ausgehende Disputation schon von vornherein unter den Tisch gefallen. In־ Zürich hat schon der Staat selbst dafür gesorgt, daß eine Begegnung zwischen Christen und Juden ausgeschlossen bleibe. Lavater scheint mir der erste zu sein, der den.Versuch gemacht, Religionsdisputationen auf postalem Wege, durch Briefwechsel zu führen. Sie schien ihm den großen Vorteil zu bieten, daß man mangels eigener Juden vom Schreibtisch aus Wirkungen erzielen kann auf Juden ferner Länder. Das war zu jener Zeit, so einfach uns auch heute die Sache scheint, eine Erfindung. Lavater ist zwar mit seinem Versuch nicht weit gekommen, er hat, wie die Folgen gezeigt haben, in Granit gebissen. Und: auch sein ,,Freund" blieb nicht unverwundet. Wie Rawidowicz aus den Briefschaften zwischen M. und seinen Freunden nach weist, sollen! die Angriffe, die gegen ihn von verschiedenen Seiten kamen, den schwachen Körper M.s so sehr geschwächt haben, daß er Anfang 1771 einen Zusammenbruch erlitt, an dessen Folgen er lange zu leiden hatte. — Immerhin war L. der erste, der die Angriffe auf die jüdische Religion durch Fernwirkungen zu erzielen hoffte. Was uns bei diesen Fernwirkungen verloren ging, ist die Theologi.e M.s. Schon im ersten Briefe versichert M.: ״Ich darf sagen, daß־ ich meine Religion nicht erst seit gestern zu untersuchen an־ gefangen. Die Pflicht, meine Meinungen und Handlungen zu prüfen, habe ich gar frühzeitig erkannt, und wenn ich von meiner frühen Jugend an meine Ruhe- und Erholungsstunden der Weltweisheit und den schönen Wissenschaften gewidmet habe, so ist es einzig und allein in der Absicht geschehen, mich zu dieser so nötigen Prüfung vorzubereiten. Andere Beweggründe konnte ich dazu nicht gehabt haben." Wenn das stimmt — und wir haben keinen Grund das Gegenteil anzunehmen—, so ging uns. an der Hand dieser brieflichen Disputation und ihren unerquicklichen Konsequenzen ein Werk verloren, das nach dem Zeugnis M.s sein Lebenswerk hätte sein sollen, und dem Judentum zweifellos viel Nutzen gebracht hätte. Die schriftliche Disputation hatte aber noch einen andern Nachteil für die Nachwelt. Sie bot nicht einmal das Wenige, was frühere öffentlich abgehaltene Disputationen geboten haben. Eine mündliche Aussprache kann nie so diskret, nie so wortkarg und verschwiegen sein, wie ein brieflicher Verkehr. Das Ergebnis einer freien mündlichen Aussprache zwischen L. und M. hätte doch zumindest nicht hinter dem Zurückbleiben dürfen, was uns Nachmanides von seinem Disput mit Pablo Christian! mitgeteilt hat. In M. haben wir bloß kurze Andeutungen, schwache Spuren von dem, was die Grundlage der jüdischen Theologie ausmacht, und noch weniger von den Unterschieden, die die beiden einander gegenübergestellten Religionen auseinanderhalten. II. Wir wollen aber auch das Wenige, was. M. im Abwehrkampf seinem Gegner entgegenhielt, nicht geringschätzig aufhehmen; denn es floß aus eiper klaren und tiefen Quelle. Auch* hier möchtet! wir