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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 6 · p. Seite 406

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 6
Article
Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
Date
1930-01-01
Page
Seite 406 (sequence 6)
Language
German
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406 Stellung im Judentum gezwungen, sich dieser Disputation zu unter־־ ziehen. Sie fand in Barcelona im Jahre 1263 statt. ,,Da sieh Nachmani in den ersten drei Tagen mit Freimut, wenn auch würdevoll über das Christentum geäußert hatte, so bat ihn die Barcelonaer Judenschaft, das Disputieren einzustellen, weil sie Verfolgung seitens der Dominikaner fürchteten“ (Graetz VII3 122). Von christlicher Seite wurde er aufgefordert, sich von seinem Freimut nicht hinreißen zu lassen. Die nüchternere christliche Bürgerschaft von Barcelona äußerte den Wunsch, daß die Disputation abgebrochen werden sollte. Doch der König ließ nicht nach; die Disputation mußte bis zu Ende geführt werden. — Was war das Ergebnis? — Der König selbst, der das meiste Wohlwollen gezeigt hat, hatte gegen Nachmanides folgende, sehr bezeichnende Aeußerung gemacht: er habe noch nie eine so ungerechte Sache so geistvoll verteidigen gehört. Dem geistigen Sieger ist das Wohlwollen des Königs insofern gut gekommen, als er bloß dazu verurteilt wurde, daß er sein Geburtsland auf zwei Jahre verlassen mußte und daß seine Verteidigungsschrift auf dem Scheiterhaufen verbrannt werde. Das war das Schicksal eines jüdischen Disputanten, der den Mut hatte, auch Gegenfragen zu stellen. War diese berühmte Barcelonaer Religionsdisputation etwas anderes als eine einseitig gepflegte Paßrevision? Lavater meinte es nicht anders und Mendelssohn verstand die höflich abgefaßte und verfängliche Zueignung im ersten Augenblick so, wie sie gemeint war. Er merkte, wo sein ,,verehrungswerter Menschenfreund“ hinaus will, und das war auch nicht schwer zu merken für einen persönlichen Kenner L.s, aus dessen Brust sich der Ausruf emporgerungen hatte: ,,Wollte Gott, daß Sie ein Christ wären“. M. versuchte daher in seinem ersten Schreiben an Lavater, der Paßrevision •zu entgehen. Nach vielen Höflichkeiten läßt er den von Erbitterung diktierten Satz folgen: ,,Aber leugnen kann ich es nicht, dieser Schritt von Ihrer Seite hat mich außerordentlich be־־ fremdet. Ich hätte alles eher erwartet, als von einem Lavater eine öffentliche Aufforderung“. — Im Verlauf des Schreibens sagt er ferner: ,,Was hat Sie also bewegen können, mich wider meine Neigung, die Ihnen bekannt war, aus dem Haufen herauszuziehen und auf einen öffentlichen Kampfplatz zu führen, den ich so sehr gewünscht, nie betreten zu dürfen?“ — Deutlicher noch ist der Fragesatz in einem späteren Brief M.s an L. über das Verhalten Bonnets: ,,Heißt dieses nicht die Waffen wider einen Unbewaffneten brauchen?“ (vgl. R. S. LXXXVI). Was einen Lavater zur Neuaufnahme von Religionsdisputationen bewegen konnte? — Ein verspäteter dunkelroter Strahl war es, aus der nicht allzufernen Zeit der Scheiterhaufen. M. hat sich diese Antwort schon im ersten Brief an Lavater gegeben, indem er ihn auf den engbegrenzten Rechtszustand, der Judenheit Deutschlands hinwies. Und wie eine Ironie klingt es, daß M. auf die Schweizer Grenzsperre hinwes, die nur dem Juden gegolten hat. Der ,,verehrenswürdigste“ Freund Lavaters hätte ihn also in der Stadt seines geistlichen Wirkens auch mit dem besten Reisepaß nicht besuchen können, — Dieser letztere Umstand hat für die Religionsdisputation

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