Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
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405 häusliche Verfassung hinzu, in welcher ich unter meinen Nebenmenschen lebe, so werden sie mich vollkommen rechtfertigen. Ich bin ein Mitglied eines unterdrückten Volks, das von dem Wohlwollen der herrschenden Nation Schutz und Schirm erflehen muß, und solchen allenthalben, und nirgends ohne gewisse Einschränkungen erhält usw. Ist es doch nach den Gesetzen Ihrer Vaterstadt Ihrem beschnittenen Freunde nicht einmal vergönnt, Sie in Zürich zu besuchen?". Warum sagt uns das M.? Welchen apologetischen Grund erblickte er in der Schicksalslage des Judentums? — Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. In allen bisher stattgefundenen Religionsdisputationen war der Vertreter der Kirche nicht nur der herausfordernde Teil, sondern auch der gebietende Fragesteller, der Herr der Situation. — Was das bedeutet, möchte ich mit einem etwas alltäglichen, aber sachlieh ziemlich naheliegenden Beispiel veranschaulichen. Wer sich noch an Paßrevisionen in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu erinnern vermag, wird wissen, daß der Fremde in bezug auf Abstammung, moralische Lebensführung, Beschäftigung usw. viele Fragen zu bestehen hatte, bevor er die Grenze überschreiten durfte. Es wäre nicht nur paradox, sondern die Verspottung aller Wirklichkeit, den Vorgang einer Paßrevision als Gegenseitigkeitsverhältnis■ in der Weise zu konstruieren, daß auch der Reisende das Recht gehabt haben sollte, den Revisor zur Rechtfertigung aufzuforäern und ihm die Schriften zur Untersuchung seiner Lebensführung abzuverlangen. Eine solche Konstruktion wäre schon als Phantasie zu den Höchstleistungen anmaßender Verstiegenheit zu zählen. Dieser Paßrevision sind die den Juden aufgedrängten Religionsdisputationen nicht ganz unähnlich. Der Jude hatte Rede zu stehen, warum er Jude ist, der Jude hatte sich zu verantworten, warum er seine Religion nicht abschwört, warum er seinem Gotte treu bleibt; warum er sich an sein altes Schrifttum so hartnäckig klammert; mit einem Worte, der Jude hatte sich wegen seiner ,,jüdischen Verstocktheit" zu rechtfertigen. Umgekehrt hat sich diese Rolle niemals abgespielt! — Ein Würdenträger der Kirche kam in diesem Sinne niemals in Versuchung; er ist von jüdischer Seite niemals belästigt worden, sich wegen seines Glaubens zu rechtfertigen; niemals wurden ihm die ernsten Fragen gestellt, wie e r sich die großen Widersprüche in seinem Schrifttum und die noch größeren Widersprüche zwischen Lehre und Leben innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft nach allgemeingültigen Denkgesetzen zurechtzulegen oder zu lösen vermochte. — Dafür gibt es kein Beispiel in der Weltgeschichte, nnd das allein ist der schlagendste BeM7eis, daß sämtliche religiöse Diskussionen, die sich zwischen Juden und Nichtjuden abgespielt haben, keine Diskussionen im eigentlichen Sinne des Wortes waren, sondern — Paßrevisionen. Nur ein Beispiel. — Der Dominikaner Pablo Christiani, ein getaufter Jude, wurde veranlaßt, am königlichen Hofe in Spanien einen Religionskampf mit den Juden aufzunehmen. Als Gegner wurde der berühmte Rabbiner Spaniens, Mose Nachmani (Nachmanides), gegenübergestellt. Nachmanides wurde infolge seiner