Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
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404 gionsdisputationen liefert ־uns hierfür vielfache Beweise. Die seelische Verwurzelung in den eigenen Glaubensbegriffen und, -Vorstellungen weist von vornherein alles zurück, was zur Selbstzerstörung, Selbstaufgabe des eigenen Bekenntnisses führen könnte. Die Herren, die im Mittelalter Religionsdisputationen herausgefordert haben, dachten niemals an die Möglichkeit, daß die herauf beschworenen Beweisführungen auch ihren e i g e n,e n Dogmen schaden könnten. Und mit Recht. Sie durften mit voller Sicherheit auf die eingelebte Glaubensfestigkeit ihrer eigenen Kirchenkinder rechnen. Darüber hinaus erfreuten sie sich eines beispiellosen Machtgefühls, wie es nur die mittelalterliche Kirche einflößen konnte. Dieses Machtgefühl war das Plus, mit dem die disputierende Geistlichkeit rechnen durfte. Im Religionsdisput zwischen Lavater und Mendelssohn stand die Sache nicht viel anders. Einem Johann Caspar Lavater, Diakonus in Zürich, wird.niemand die Naivität zumuten, daß er mit der Absicht in den Kampf gegangen ist, um aus einer eventuell einwandfreien Widerlegung seitens M. die Konsequenz zu ziehen, daß er die eigene Religion aufgebe und sein Kirchenamt niederlege. Hier handelte es sich keineswegs um einen logischen Feldzug, der einzig und allein durch die Kraft von Denkgesetzen entschieden wird, sondern um dem typischen Religionskampf, wo der Angreifer seine amtliche Autorität bezw. die seiner Kirche in die Wagschale wirft und von vornherein überzeugt ist, daß diese Autorität nichts von ihrer Kraft einbüßen kann, wie immer auch die Disputation enden sollte. Das Zuneigungsschreiben Lavaters an M. dürfte einem Außenstehenden, der die Hintergründe nicht kennt, ebenso vornehm und korrekt wie höflich erscheinen. M. hat sie mit anderen Augen gelesen. Und nach dem, was uns Rawidowicz aus den Archiven dieses Kampfes auszugsweise vorgeführt hat, müssen wir heute noch M. beipflichten. Aus einer Erwiderung M.s an Elkan Herz (15. XI. 1771) zitiert R. (XCIV) folgende sehr charakteristische Sätze: ,,Sie verlangen in ihrem letzten Schreiben meine Handschrift gegen die christliche Religion. Ich muß ihnen aber sagen, daß erstlich solches nicht im Stand ist, von einem andern gelesen zu werden. So unordentlich und unzusammenhängend steht noch Alles darin. Zweitens muß ich auch dieses gestehen, daß ich den festen Vorsatz habe, Solches niemals aus meinen Händen zu geben, geschweige denn über Land zu schicken“. Aus diesem kurzen Fragment geht zweierlei hervor: einmal daß M. sich einen offenen Sinn für religiöse Studien im allgemeinen bewahrt hat; ferner, daß er eine gewisse Scheu gezeigt hat, so oft es galt, mit seinen religionsvergleichenden Forschungen an die öffentlichkeit zu treten. Den wahren Grund für diese Scheu haben wir anderswo als in der gefühlsmäßigen Veranlagung M.s etwa in angeborener Zurückgezogenheit und Furcht zu suchen. Schon in der ersten Antwort M.s an Lavater finden wir zwei zuverlässige Spuren, die uns der Lösung der Frage näher bringen. An erster Stelle heißt es: ״Wer die Verfassung kennet, in welcher wir uns befinden, und ein menschliches Herz hat, wird hier mehr empfinden, als ich sagen ■■kann/‘ Deutlicher ist die zweite Stelle. Nachdem er die philosophischen Beweggründe dargetan hat, die ihn von Religionsstreitig- •keiten zurückhalten, fügt er noch folgendes hinzu: ״Setzen Sie die