Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
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403 dieses Bandes betraut wurde, ist es gelungen, einen verschütteten Schacht zu lichten. Mit historisch-philosophischem Scharfblick durchdrang er die Mendelssohn-Lavater Episode und kam auf wichtige Spuren der religiösen Innenwelt Mendelssohns. Reiche .archivale Studien und gründliche Fachkenntnis bilden die Grundlage seiner Untersuchung. Wir sind ihm daher zu doppeltem Dank verpflichtet. Einerseits erfuhr die Mendelssohn-Lavatersche Briefschaft manch wichtige Ergänzung nach der materiellen Seite hin. Rawidowicz führt uns fast in dramatischer Verlebendigung die verschiedenen Ein- Stellungen der Zeitgenossen vor, die dem seltsamen Religionsstreit ein reges Interesse entgegenbrachten und es nicht .zuließen, daß er als Privatsache zweier Gelehrten hingenommen werde. Lavater hat Geister heraufbeschworen, die nicht leicht zu bannen waren — znm Teil nmweben sie uns heute noch — und Mendelssohns vorsichtigste und sparsamste Worte gewinnen jetzt im lebendigen Zusammenhang der Ereignisse Interpretationen, die auch für unsere Zeit nicht ganz ohne Interesse sind. Eine systematische Behandlung des Lavater-Mendelssohnschen Briefwechsels bezw. der Religionsdisputation würde eine Teilung der Darstellung fordern, und zwar in dem Sinne, daß auf der einen Seite nur das Geschichtlich-Biographische, auf der andern nur das Fachstofflich-Systematische (also die grundsätzliche Darlegung des Standpunktes Mendelssohns) beleuchtet werde. Rawidowicz ist von dieser Schablone abgewichen und wie mir scheint, nicht ohne. Grund. Die auf Quellenforschung aufgebaute Einleitung verfolgt den Zweck, den Leser in die einzelnen Schriften gleichsam kommentierend einzuführen, und ein Bild vom ganzen Vorgang zu entwerfen. Das wäre bei einer Zweiteilung des Materials in historische und fachstoffliche Elemente nicht gut möglich gewesen. Die Einleitung würde sich in diesem Falle zu einem selbständigen Werk herausgewachsen und die unmittelbare Fühlungnahme mit dem Texte verloren haben. Außerdem wäre bei dieser Materialsonderung das Bild entzwei gerissen. Bei dem Lavater-Mendelssohnschen Streit kommt dann erst ein Ganzes heraus, wenn wir beides, das Geschichtliche und das Sachliehe, bezw. die Art des Kampfes vereint mit dem Gegenstand des Kampfes in die Betrachtung ziehen. Diese Methode ist bei M. umso angebrachter, als hier beides typischen Charakter hat. Die Begleiterscheinungen des Religionskampfes zwischen L. und M. gehören nur zu einem geringen Teil zur Lebensgeschichte Mendelssohns, zum weit größten Teil aber gehören sie zur Geschichte des Religionskampfes bezw. zur Geschichte der jüdischen Apologetik und liefern wertvolle Bausteine zu einer Begründung dieser Disziplin. I. Die geschichtliche Seite ist praktisch die weit wichtigere. Zunächst steht es nun einmal so, daß religiöse Disputationen zwischen Verschiedengläubigen — soweit sich die Frage mit Sicherheit verfolgen läßt — niemals von dem Drange geleitet wurden, sich objektiv zu orientieren und infolge etwaiger besserer Begründung der gegenüberstehenden Religion die eigene aufgeben, Umtauschen oder auch nur dem Gegner Zugeständnisse machen zu wollen. Die Glanzperiode der Reli- 26*