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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 6 · p. Seite 402

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 6
Article
Die Stellung Mendelssohns zur christlichen Umwelt
Date
1930-01-01
Page
Seite 402 (sequence 2)
Language
German
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402 Neuzeit brauchte eine neue Gestalt und einen neuen Typ des jüdischen Philosophen. Seit den Klassikern der spanischen Glanzperiode hat sich nach beiden Seiten hin: in der Entwickelung der Umwelt sowohl wie im ׳Leben der Judenheit ׳eine Wandlung vollzogen, die eine Neuaufnahme *des Problems als Gebot der Stunde erscheinen ließ. Schon die herrschenden Kirchen, deren Religionsgut durch weltliche Macht־־ grundlagen gesichert war, sahen, nicht ohne Grund, in der wachsenden Gleichgültigkeit gegen Religion und Glauben im eigenen Lager ernste Gefahren für ׳die Zukunft ihrer Konfessionen. Doppelt bedenklich müßte sich die Neuorientierung der Umwelt auf die J udenhei t der Aüfklärerzeit auswirken. Maimonides und andere hatten es!eichtet. Sie sprachen zu ׳einer Welt, die von aufrichtigem Glauben durchglüht war. Auch ein Albertus Magnus und ein Thomas von Aquin entlehnten dem ״More Nebuchim“ manche Elemente ihres Systems; vieles aus der ״Lebensquelle“ des Salomo Ibn Gabirol konnten die Theologenschulen glatt übernehmen. Die Juden jener Zeiten wurden also in ihrer 1Glaubensfestigkeit auch von der Umwelt aus gefördert. Die religiöse Einstellung war allen Bekenntnissen gemeinschaftlich. Ein ־’halbes Jahrtausend später hatte der Jude für seinen Glauben gegen zwei Fronten zu kämpfen. Neben dem Freidenkertum, das aus dem Lager aufklärerischer Stürmer hervorging und die Axt an alles Hergebrachte anlegte, erwuchsen dem vom Zeitgeist angehauchten Juden eigene Probleme als Folgeerscheinungen seines 5Sonder- Schicksals. Die spanisch Jüdisehe Glanzperiode wurde von fanatischen ReligionsVerfolgungen abgelöst. Der Jude wurde ins Ghetto gedrängt, das ihn 'nicht nur vom sozialen und wirtschaftlichen Leben der Um- Welt äbschlöß, sondern auch von den Segnungen des Fortschritts fernhielt, den Wissenschaft und Bildung im Laufe eines Laiben Jahrtausenäs gemacht hatten. Mendelssohn war der erste aufgeklärte Jude, der das Problem des Judeseins seiner ganzen Tiefe nach durchgefühlt und es mit heiligem Ernst behandelt hat. Leider hat er es unterlassen, und zwar vorsätzlich, ׳die Grundlagen seines Bekenntnisses in ein System zu fassen und ׳einen neuen ״More Nebuchim“ zu schreiben. Auf die persönlichen •Gründe kommen wir noch zu sprechendes mögen auch manche sachliche Gründe mitgespielt haben. Aber was er aus freien 1Stücken nicht machen wollte, wurde ihm von außen her aufgenötigt. Und Mendelssohn wurde, wenigstens zu ׳einem ganz geringen Teil gezwungen, aus sich herauszutreten und über die Grundlage seines Bekenntnisses zu sprechen. Der־Züridher Pastor Lävater erwarb, oder mit Lessing zu sprechen, erschHch sich die Freundschaft :Mendelssohns und nutzte sie zu einem;kühnen Bekehrungsversuch aus. Der unerwartete Angriff zwang Mendelssohn, sein Schweigen aufzugeben und sich gegen den zudringlichen Eifer seines ״Freundes“ zu wehren. In der herausgeforderten Polemik hat Mendelssohn in wenigen Strichen, aber mit unmißverständlicher ©eutli chkeit sein Glaubensbekenntnis niedergelegt. Der Vorfall ist für die Folgezeit nicht .ganz ohne Wirkung geblieben, aber seine volle Bedeutung tritt uns erst in der Jubiläumsausgabe entgegen. D1\ S. Rawiäowicz, der mit dem einleitenden Teil

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