Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Estherstoff in der jüdischen Illustration
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 388 (sequence 8)
- Language
- German
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388 bildchen im Geschmacke Watteaus in verschnörkelten Rahmen wiederholen sich abwechselnd mit den Musen auf dem Sims. Die Estherrollen des 17. und 18. Jhts., wie wir sie hier sehen, stehen in einem engen Verhältnis zur allgemeinen Kunst. Mehr als das, bedeutende Künstler versuchen sich in der Estherrollen־ illustration. Wenn wir auch nicht wissen, wer die Budapester Rolle oder die Rolle der Frauberger־Sammlung gezei chnet hat, so spricht die Leistung für sich, und es ist eine reizvolle Aufgabe, der Provenienz dieser Rollen nachzuspüren. Diese Aufgabe wird dadurch erleichtert, daß es uns gelungen ist, die Spur eines anderen ebenfalls verbreiteten Estherrollentyps zu finden. Sie führt zu einem hervor־ ragenden französischen dekorativen Maler auf der Schwelle des 17. und 18. Jhts. zu Antoine Coypel, der neben mythologischen und christlichen Stoffen auch eine Anzahl biblischer Stoffe behandelte. In einer nach der Lesung von J. Gutmann 1680 datierten Rolle finden wir eine verkleinerte Kopie des Gemäldes von Coypel: Esther vor Ahasveros. Besonders volkstümlich ist aber eine in Kupfer gestochene Rolle geworden, die Rolle mit den Hermen, anstatt der Portalsäulen. Ein Exemplar besitzt.die Berliner Gemeinde, es ist das die Aaron-Hirsch-Rolle (Abb. Gemeindeblatt, Berlin, 1929, März), ein anderes Dr. Ignaz Fried־ mann in Budapest, ein drittes die Landesbibliothek in Fulda, Ms. A 6. In dem Exemplar von Fulda kann man sehen, wie zur Verlängerung des Schriftspiegels die mit Hermen geschmückten Pfosten ergänzt worden sind durch eingeschobene, nach besonderen Platten gedruckte Stücke mit Engelsköpfen, die an diesen Stellen nicht gut passen. Der hier geschaffene Illustrationstyp ist besonders wichtig, weil er große Verbreitung gefunden hat. Die obere Reihe besteht aus Landschafts־־ bildern, die untere enthält den Estherzyklus1. Er beginnt mit dem Gastmahl. — Es folgt die Erwürgung der Waschti durch zwei Frauen. — Mordechai im Tor. — Trauung der Esther. — Bogenschießen des Haman (Symbol für Los werfen). — Mordechai mit einem Boten. — Haman mit der Wage. — König mit Gefolge. — Esther vor dem König. — Verlesen der Chronik. — Mahl der Esther mit dem König und Haman. — Esther und Haman. — Der König überrascht den Haman. — Schreiber. — Davoneilende Boten. — Die zehn Söhne des Haman am Galgen. — Männer und Frauen schauen hinauf. — König und Esther thronend. — Die Juden schlagen ihre Angreifer. — Freudentanz. Eine Auswahl der Bilder umrahmt die Segenssprüche zu Anfang der Rolle. Was die Datierung der ,,Rolle mit den Hermen“ betrifft, so spricht der Katalog der Landesbibliothek in Fulda sein Exemplar dem 16. Jht. zu. Demgegenüber muß ich sie in den Anfang des 18. Jhts. ver־ legen. Es sei noch auf die in Venedig von Griselini gestochene Rolle hingewiesen, deren flüchtige Einsichtnahme kurz vor Abdruck dieses Aufsatzes ich Herrn Kirschstein verdanke. Diese Rolle aus der 1. Hälfte des 18. Jhts♦ bildet wohl einen besonderen Illustrationstyp. 1 Eine ausführlichere Inhaltsangabe bei M. Stern, Illustrierte Estherrollen, Bert Gemeindeblatt, 1929, März.