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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 5 · p. Seite 385

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 5
Article
Der Estherstoff in der jüdischen Illustration
Date
1930-01-01
Page
Seite 385 (sequence 5)
Language
German
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m übermittelt werden konnten und so Gemeingut geworden waren, müßte nach den Vorbildern geforscht werden, die in der Alba-Bibel verwertet worden sind; sie selbst ist schon ein spätes Erzeugnis der Illustrationskunst, 1422—1433, viel später als die von uns besprochenen hebräischen Kodices hergestellt. Die Estherrolle der Sammlung Kirschstein ist in 18 Kolumnen geschrieben. Die Schrift bietet Datierungsschwierigkeiten, sie ist nach meinem Dafürhalten nicht vor dem 17. Jahrhundert entstanden. Die Illustration ist stark übermalt. Die Spalten sind in rechteckige Rahmen gesetzt. Die senkrechten Rahmenfelder sind mit architektonischen Stellungen gefüllt (ein Portal, darüber ein Blendbogen auf Konsolen, dem ein Wappentier im Rautenfeld vorgelagert ist, darüber ein Doppelfenster; das obere und das untere Rahmenfeld hingegen sind mit von rechts nach links laufenden Bilderfolgen in Miniaturformat gefüllt. Jeder Kolumne entspricht ein Bild oben und eines unten. Nur das Hinrichtungsbild nimmt eine ganze Kolumnenhöhe in Anspruch, es sind somit im ganzen 35 Bilder. Ohne die Bilder genau beschreiben zu wollen, was einer Monographie der Estherrolle Vorbehalten bleiben muß, möchte ich nur die wichtigsten nennen. Die Bilderreihe beginnt oben mit einem Gästmahl. Erst über der vierten Kolumne erblickt man Esther vor dem König kniend und unten Mordechai im Tore, die beiden Verschwörer belauschend. In der sechsten Kolumne oben überreicht der König einem Boten eine Rolle mit dem Erlaß wegen Waschtis Absetzung. Unten entfernt sich der Bote mit der Rolle. Im gleichen gemächlichen Tempo entwickelt sich die Handlung weiter. In der achten Kolumne oben steht Esther vor dem König. Unten sitzt sie beim Mahle mit dem König und Haman. Im neunten Bild oben wird das Holz für den Galgen gesägt. Unten hört der König im Bett die Chronik an. Im zehnten Bilde führt Haman den Mordechai auf dem Pferd. Im elften wird Haman gehängt. Im zwölften Bild sehen wir den König und Esther. Im dreizehnten ein Freudenmahl der Juden. Im vierzehnten den Kampf der Juden mit ihren Angreifern. Das fünfzehnte Bild ist den gehängten Söhnen des Haman überlassen, ein Scherge steigt eine Leiter hinauf, unten vor dem Galgen steht eine Volksmenge, die hinaufschaut. Im sechzehnten Bild oben der König und die Esther, unten wird Almosen dargereicht. Gaben werden ausgetragen. Im siebzehnten Bild sehen wir oben und unten den gekrönten Mordechai, wie er in einer Rolle schreibt. Die Rolle hat Hochformat. Das achtzehnte Bild stellt oben und unten Possenreißer dar, Purimspieler, die es schon im Mittelalter gab. Einer von ihnen trägt eine Tiermaske. Die Estherrolle der Kirschsteinsammlung hat für das Studium der Estherrollenillustration eine ungemein wichtige Bedeutung. Hier haben wir in einer hebräischen Handschrift einen vollständigen Bilderzyklus, und wir dürfen annehmen, daß diese Rolle sich auf andere, ältere Vorlagen stützt, die verloren gegangen bzw. noch nicht aufgefunden sind. Die Kirschsteinrolle enthält Bildermotive, die wir aus der hebräischen mittelalterlichen Kodexillustration noch nicht kannten: die Gastmahlszenen, die Boten, Monatsschrift, 74. Jahrgang. 25

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