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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 5 · p. Seite 382

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 5
Article
Der Estherstoff in der jüdischen Illustration
Date
1930-01-01
Page
Seite 382 (sequence 2)
Language
German
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382 sondern einer bestimmten Tendenz zuliebe zugespitzte Ereignisse, oder Situationen. In der Haggadah des Siddur, im Besitz Edmond von Rothschilds, Paris, aus dem 15. Jht., sieht man auf einem Bilde oben Esther das Fasten anordnend und unten den auf einem Baum hängenden Haman. (Abb. in D. H. Müller und J. v. Schlosser, Die Haggadah von Sarajevo, Taf. 38.) Weder im Estherbuch der Bibel, noch im Gebetbuch, noch in der Osterliturgie hat der Estherstoff Gelegenheit gefunden sich voll zu entfalten. Aber auch die didaktische Tendenz, die eine Gegenüber- Stellung bzw. Zusammenfassung der Szenen erforderte, scheint mit der fortschreitenden Entwicklung der Illustration abgewandelt zu werden durch das Bestreben des Künstlers, je gewandter er wird, den Stoff breiter auszubauen, zu amplifizieren. Es reizt ihn, psychologische Einzelheiten, Spitzfindigkeiten, Züge der späteren ausdeutenden Literatur sowie der zeitgenössischen Wirklichkeit in seiner Darstellung zum Ausdruck zu bringen. Eigentlich ist schon der Baum, auf dem Haman und seine Söhne in der Darstellung der Breslauer Bibel hängen, eine Abweichung vom Bibeltext, der von einem Galgen spricht. Aber Targum Scheni erzählt von dem Rate der Bäume, die sich weigern, dem Haman als Galgen zu dienen, und von dem Zederbaum, der sich dazu bereit erklärt. In der Kra״ ' kauer Bibel sehen wir dagegen wieder den Galgen. Dafür bietet sie einen anderen interessanten Zug der Legende. Mordechai setzt seinen Fuß beim Besteigen des Pferdes auf den auf der Erde liegenden Haman in Uebereinstimmung mit Esther Rabba 10 und anderen Nacherzählungen des Estherbuches, wonach Mordechai, vom Fasten erschöpft, darüber klagt, daß er nicht imstande ist, sich auf das Pferd hinaufzuschwingen, und Haman ihm seinen Nacken entgegenhält. . Im Leipziger Machsor wird die Hinrichtungsszene durch das Weib des Haman ergänzt, das auf der Erde liegend die Hand zum Baume erhebt. Im Triumph des Mordechai in derselben Handschrift fällt ein sinnreiches Detail auf: während auf dem Kopfe des Mordechai die königliche Krone prangt, baumelt an seiner Schulter am Riemen der abgelegte Judenhut. Hinter dem Reiter aber steht auf einem Turme die Tochter des Haman und schüttet auf ihren Vater einen Kübel aus, in Uebereinstimmung mit einer Erzählung im Traktat Megillah 16a. (Ein Autor deutete die Frau auf dem Turm in einer anderen Handschrift so aus, als streue sie Blumen auf den Weg, was der Ueberlieferung nicht entspricht.) Die Episode wird von der Estherrollenillustration der neueren Zeit mit übernommen. Auf der Gegenseite unserer Handschrift sehen wir den Mordechai genau so charakterisiert, wie ihn die jüdischen Quellen gewöhnlich schildern, nämlich: im Bet Hamidrasch lehrend. Tatsächlich sitzt er auf einer Bank mit einem hebräischen Buch, drei junge Männer sitzen vor ihm mit offenen Büchern. Im Machsor der Landesbibliothek Darmstadt Or. 13 vom Jahre 1348, geschrieben in Hamnielsburg (Abb. in Die Darmstädter Pessach-Haggadah, hrsg. von B. Italiener, Taf. 9), haben Haman und seine Söhne Tierköpfe, was jedoch kaum als besondere Verspottung anzusehen ist.

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