Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Estherstoff in der jüdischen Illustration
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 381 (sequence 1)
- Language
- German
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S81 Der Estherstoff in der jüdischen Illustration. V011 Rahel Wischnitzer-Bernstein in Berlin. Eine der Aufgaben der Forschung auf dem Gebiete der jüdischen Buchillustration ist, die Darstellungsstoffe in ihrer Entwicklung zu untersuchen und zwar dem Prozeß der Bildung bzw. Auflösung von Darstellungskreisen nachzugehen. Ein Darstellungszyklus ist eine organische Einheit, ein Ganzes, entstanden aus einer bestimmten Gestaltungsidee. Er weist Kennzeichen des Wachstums auf, solange die Idee lebendig ist, verkümmert, spaltet sich, löst sich in versprengte, fragmentarische Stücke auf mit der fortschreitenden Entwertung des Ideengehaltes des Stoffes. Die Darstellungsform verkümmert aber auch durch Abschleifung im Laufe der Zeit, wenn sie nicht durch neue Impulse abgewandelt wird. Der Estherstoff ist Gegenstand der Illustration in den Bibekodices, den Machsorim und Haggaden, sowie in den Estherrollen gewesen. In der Bibel wurde ihm die Ausschmückung des Estherbuches zugewiesen. Einige der ältesten illuminierten hebräischen Bibelhandschriften weisen Bilder zum Buche Esther auf, so der Bibelkodex der Stadtbibliothek Breslau, Ms. 1106 vom Jahre 12381 und die kürzlich entdeckte Bibel der jüdischen Gemeinde in Krakau aus dem Anfang des 14. Jhts. (Abb. in Z. Ameisenowa, Biblja Hebrajska XIV־go wieku, Krakau, 1929.) Die Darstellungsweise ist in beiden Handschriften die kompletierende zu nennen, nach der für diesen Illustrationsstil geprägten Bezeichnung von Wickhoff. Sie besteht darin, daß ohne Rücksicht auf Raum und Zeit eine Handlung gleich mit ihren Folgen veranschaulicht wird, beim jüdischen Illustrator — mit der Absicht, dem Betrachter den Sieg des Guten über das Böse, die Errettung des jüdischen Volkes aus der Not zu Gemüte zu führen. So sehen wir in der Breslauer Bibel auf dem unteren Margo des Blattes den König Achaschwerosch und Esther, beide auf Thronen nebeneinander sitzend und mit erhobenem Zeigefinger nach rechts hinweisend, wo auf dem äußeren Blattrand die Bösewichter, Haman und seine zehn Söhne, an einem Baum hängen. In der Krakauer Bibel haben wir auf einem Vollbild, das dem Estherbuch vorangeht, , im oberen Teil rechts die Fürbitte der Esther beim König, links den am Galgen hängenden Haman; im unteren Teil des Bildes rechts die Ehrung des Mordechai, der von Haman auf dem Pferd herumgeführt wird, und als Gegenstück links den Galgen mit den zehn Söhnen. Im Machsor der Universitätsbibliothek Leipzig aus dem 14. Jht. sind im 1. Band zwei gegenüberliegende Seiten, fol. 51 verso und fol. 52, der Esthergeschichte gewidmet. Auf dem ersten Bild erkennt man den Baum mit den elf Gehenkten, links davon die Ehrung Mordechais. Auf der Gegenseite rechts eine Darstellung Mordechais und links den König und Esther. Die Bilder sind in den erwähnten Handschriften nicht Szenen eines fortlaufenden, chronologisch sich abwickelnden Geschehens, 1 Abb. in Encyclopaedia Judaica VI, Sp. 805.