Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 5 · p. Seite 357

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 5
Article
Hebräische Fragmente aus dem jüdischen Urtext der Apokalypse des heiligen Johannes
Date
1930-01-01
Page
Seite 357 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2829132-2829967-2829973-2836378--50015-2836449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

357 und der Neutestamentler Jacquier hat sich ihm angeschlossen. Diese Gleichsetzang ist jedoch unmöglich; denn ,,Neron Kaisar“ (נירון קיסר) ergibt 686, und die Weglassung zweier Buchstaben, nämlich der beiden Jod (נדון קסר״!), die Renan vorgescblagen hat, damit die gewünschte Zahl herauskommt, ist in der jüdischen Zahlenlehre unmöglich und im rabbinischen Schrifttum ohne jedes Beispiel. Nicht weniger verfehlt sind die übrigen Erklärungsversuche im Altertum und in unserer Zeit. Irenaios suchte hinter der apokalyptischen Zahl ,,Teitan" (dämonisierte Sonne) oder ,,Lateinos“; in neuerer Zeit wurde von manchen an die altbabylonische Tiamat (Gunkel) oder an den Kaiser Caligula (Moore) gedacht. Auch der Umstand, daß das antichristliche Rom durch ein Tier bezeichnet wird, findet im Talmud seine Entsprechung. Rabbi Jochanan nennt (Pesachim 118b) in Anspielung auf die Psalmstelle 6831 Rom ein Tier. Es finden sich auch weitere altrabbinische Parallelen zur Apokalypse Johannes׳. Nur ist im Gegensatz za den bisher genannten als Urheber nicht Rabbi Jochanan erwähnt. So wird im Midrasch Rom als Babylon angefühlt, w as seine Erklärung in einer Sage findet1. In der Apokalypse (214) wird von den Häretikern gesagt, daß sie die Lehre Bileams halten; und in der Mischna gelten die Gegner der Schüler Abrahams als Schüler Bileams2. Die Johannesapokalypse zeigt auch Spuren außermonotheistischer Einflüsse. Im bereits erwähnten 12. Kapitel der Apokalypse des Johannes erscheint ein Weib am Himmel mit der Sonne bekleidet, den Mond unter den Füßen; auf ihrem Haupte ruht eine Krone von zwölf Sternen (12ן). Sie gebiert einen Knaben, der dann zu Gott und seinem Stuhl entrückt wird (ib. 5). Man könnte dieser Schilderung griechische Motive zugrunde legen. Das himmlische Weib wird nach der Apokalypse während seiner Schwangerschaft von einem großen Drachen verfolgt (ib. Vers 3). Das erinnert an den griechischen Mythos von der Verfolgung der Leto, die den Apollo gebären soll, durch Typhaon. Apollo galt zu Beginn der Kaiserzeit, wie wir bei Virgilius in der 4. Ekloge sehen können, als Heilbringer und Bereiter einer neuen Glücksperiode der Menschheit. In einem Fragment des Nigidius Figulus heißt es, daß manche behaupten, nach den Zeitaltern-Reichen des Saturn, Jupiter, Neptun und Pluto werde das Reich Apollos kommen (nonnuli etiam, ut magi, aiunt, Apollinis fore regnum). Der Verfasser der Offenbarung Johannis hat sicher Kenntnis von diesem orientalisch-heidnischen, den Magiern entlehnten Mythos besessen. Dem heidnischen Apollo gegenüber nimmt die J ohannesapokalypse eine zielbewußt antithetische Haltung ein. Auf dem Wege der Dämonisierung fremder Götter (worüber ich bereits ausführlich an anderer Stelle handelte)3 ־wurde der Lichtgott Apollo (nicht korrigiert Apollyon) zum Engel des Abgrundes (9״). Wenn nun das himmlische Weib nach griechischem Muster verfolgt 1 Schir haschirim Rabba I 15. 2 Aboth V. 3 Die Gesetze der Scbriftgescbichte (Wien 19191 325 ff. und in Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde, Jahrgang 22, Heft 1 (Wien 1921). Auch bei den Römern wurde zuweilen Apollo mit Veiovis, dem rächenden Gott der Unterwelt, gleichgesetzt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.