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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 5 · p. Seite 355

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 5
Article
Hebräische Fragmente aus dem jüdischen Urtext der Apokalypse des heiligen Johannes
Date
1930-01-01
Page
Seite 355 (sequence 11)
Language
German
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355 die Rolle eines Wundermannes spielte1. In einer rabbinischen Apokalypsc könnte also Nero nicht als Antimessias fungieren. Eine altchristliche Tradition-, daß die Johannesapokalypse zur Zeit Neros geschrieben worden sei, gibt es nicht. Irenaios meinte, sie sei zur Zeit Domitians verfaßt worden, Epiphanios denkt an die Zeit Claudius', Theophrastos an Traian. Auch neuere Forscher sind über die Abfassungszeit der Apokalypse nicht einig. Swete und B o u s s e t lassen sie in der Zeit Domitians entstanden sein, Linder in der Zeit Claudius״, Reuß während der kurzen Herrschaft Galbas. M o m m s e n und Holtzmann nennen Vespasian. Dagegen denken Light foot, Baur, Hilgenfeld und viele Kommentatoren der Apokalypse an Neros Regierungszeit. Tatsächlich spricht nichts für Nero. An dem antichristlichen Tier der Apokalypse läßt sich kein spezifischer Zug aufzeigen/der auf die geschichtliche Person des Christen Verfolgers hindeutete. Aber eine andere Vermutung liegt nahe. Der widergöttliche Feind Israels war im ersten christlichen Jahrhundert jener Monarch der Siebenhügelstadt, den die römischen Schmeichler als deliciae generis humani bezeichneten, der aber als Thronfolger den Tempel zu Jerusalem einäschern und auf die grausamste Weise Hunderttausende von Juden töten ließ. — Titus, der Bösewicht, wie ihn der Talmud gewöhnlich tituliert2. Haben wir hinter dem Anti- Christ der Apokalypse vielleicht Titus zu suchen? — Wenn die Apokalypse von einem rabbinischen Juden herrührt, dann muß Titus gemeint sein. Für die Judenchristen war die Zerstörung des Tempels keine Katastrophe, die ihre Glaubensgemeinschaft traf. Jesus hatte sie vorausgesagt3 und sie selber, die jüdischen Anhänger Christi, haben dem letzten Ringen Israels gegen die Uebermacht der Verehrer Jupiters gleichgültig gegenüber gestanden, sich abseits gehalten und sich weit nach Pella in Peräa zurückzogen4, als die Römer in Judäa einrückten. Demgemäß wissen die christlichen Märtyrersagen von keiner Verfolgung unter Titus zu erzählen5. Vespasianus und Titus, die Zerstörer von Jerusalem, werden sogar im christlichen Mittelalter als Rächer des Todes Jesu geschätzt, wie wir dies im Reisebericht Saewulfs (1102—1103) lesen können6. In der Apokalypse wird als charakteristisches Merkmal des Tieres angegeben, daß es auf seinem Kopfe zehn Hörner trägt (13lt). Damit stimmt überein, daß Titus nach Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vitellins und Vespasian der zehnte Kaiser Roms war. Als solcher wird er ausdrücklich in der angeblich frühmittelalterlichen Apokalypse Serubabel genannt7. Desgleichen erinnern andere Kennzeichen der Tiergestalt bei Johannes an geschichtliche aber legendäre Ereignisse, die die jüdische oder andere 1 Aboda Sora 18; jer. Nedarim IX 1. 2 Gittin 56a. 3 Lucas 215. 4 Johannes Aizog, Handbuch der Universalkirchengeschichte I 109, Mainz 1872. 5 A. Knöpfler, Lehrbuch der Kirchengeschichte 54, Freiburg i. Br. 1898. 6 Early Travels in Palestine, edited by Thomas Wright, London 1847, 37. 7 Sepher Serubabel in Ozar Midraschim 160, ed. Eisenstein, New York 1915. 23*

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