Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Hebräische Fragmente aus dem jüdischen Urtext der Apokalypse des heiligen Johannes
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 9)
- Language
- German
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353 Rabbi des 1. Jahrhunderts, ebenso wie manche pseudoepigraphische Schrift des Alten Testaments aus jener Zeit, z. B. das vierte Esrabuch, leicht Eingang finden. Aber auch abgesehen davon kann die Priorität des jüdischen Autors nicht zweifejhaft sein. Das lehren schon die oben angeführten Argumente philologischer und geschiehtlicher Art: die sta rke Durchsetzung mit Hebraismen, die der griechische Text der Johannesapokalypse auf weist und die bereits zahlreiche Forscher veranlaßte, einen jüdischen Verfasser für den Grundtext der Johannesapokalypse in Ansatz zu bringen; der sprachliche Abstand zwischen den zweifellos christlichen Einleitungsabschnitten der Apokalypse und dem eigentlichen Text und schließlich die ablehnende Haltung großer Teile des alten Christentums. Aber abgesehen von der Sprache trägt der Inhalt der Apokalypse an manchen Stellen deutlich die Spuren einer jüdisch-nationalen Orientierung, die mit zwingender Notwendigkeit auf einen jüdischen Verfasser weisen. Nur ein Jude konnte schreiben: ,,Ich werde aus der Schule des Satan der Leute gehen, die da sagen, daß sie Juden sind, und es nicht sind‘/ (39). Und die Art, in der von den zwölf Geschlechtern Israels gesprochen wird (Kap. 7), verrät nicht weniger den geborenen Juden als der Ton, in dem der Verfasser von den Heiden spricht (112; 203, 8)• Dagegen ist das unverfälscht christliche Jphannesevangelium ganz anders orientiert.. Da erscheinen die Juden als eine durchaus feindliche, fremde, widergöttliche Gruppe. Schon Jülicher (240) bemerkte: ״Juden, die diesen Namen verdienen, sind für die Apokalypse die treuen Christusgläubigen; im Evangelium ist er Schandname der christusmordenden Nation/' Ein Jude war der Verfasser des Grundtextes der Johannesapokalypse. Aber muß es ein rabbinischer Jude gewesen sein? Vielleicht war es ein Judenchrist, der nicht weniger jüdisch im nationalen Sinne dachte. Im neutestamentlichen judenchristlichen Jakobusbrief findet sich ja auch ein Gruß an die zwölf Geschlechter Israels. Und in den pseudoclementinischen Homilien, die von einem Judenchristen herrühren, werden die judenchristlichen Anhänger Christi mit Selbstverständlichkeit als Judaioi bezeichnet. Noch im 8. Jahrhundert unterscheidet Arculf in seiner Schilderung Palästinas zwischen gläubigen (christusgläubigen) Juden und ungläubigen Juden im Sinne zweier feststehender völkischer Kategorien. Muß also gerade einem Pharisäer die Offenbarung Johannis ihren Ursprung verdanken? War es nicht ein judenchristlicher Gnostiker, jener Kerinth, dem manche im 3. Jh. die Autorschaft. der Johannesapokalypse zuschrieben?1 Für einen pharisäischen Juden spricht vor allem die . Tatsache, daß die Apokalypse keinen gemarterten, am Kreuze gestorbenen Erlöser kennt trotz der mehrfachen Erwähnung des gewürgten, des geopferten Lammes2. Im Kapitel 12 der Offenbarung wird von dem mit der Sonne bekleideten Weibe gesagt : ,;Sie gebar einen Sohn, ein Knäblein, das alle Heiden mit seinem Stabe weiden sollte; und ihr Kind ward entrückt zu Gott und seinem Stuhl‘' (Vers 5). Ein als 1 J. Tixeront, Histoire des dogmes I 221. 2 Apok. 5&, Monatsschrift, 74, Jahrgang. 23 ׳־