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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 4 · p. Seite 302

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 4
Article
Neueste Literatur zu den Hagiographen [Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 302 (sequence 12)
Language
German
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302 Joma VI 6, wo das ״Ritual" vom Hinabstürzen des Bockes geschildert wird (es ist aber gar kein ״Ritual", sondern eine teilweise legendäre Erzählung von der Art, wie die Boten mit dem Bock zu verfahren pflegten!), wurde das Tier, wie Nie. annimmt, ״den! Felsen dargebracht". Hier im Psalme sei ebenso von den bösen Geistern gesprochen: sie sollen hinabgestürzt werden ״in die Gewalt der Felsen". Daß das Hinabstürzen von Felsen nicht nur nach II Chr 2512, sondern ganz allgemein eine im Altertum bekannte Todesart ist, erwägt der Verf. nicht, aber die frühestens aus dem ersten nachchr. Jahrh. stammende Mischna-Legende (in welcher, wenn es sich wirklich um irgendeinen magischen Vorgang gehandelt hätte, mindestens ein dazu gehöriger Spruch, ebenso wie das Gebet des Hohepriestern, überliefert worden wäre!) muß dazu herhalten, den alten Psalm zu einer Beschwörung böser Geister zu machen. Was man aber auch von diesen gewagten Vermutungen halten möge, man muß es als erfreuliche Erscheinung betrachten, daß an der sowjetrussischen Universität in Minsk Bibelforschung in Anlehnung an die neuere wissenschaftliche Literatur getrieben wird. Dabei kann man nicht einmal die deutliche Tendenz, den Ewigkeitswert der großen biblischen Ideen, das Heilige im AT als nicht vorhanden zu betrachten und die Psalmendichter zu Bonzen niederer Kulte zu degradieren, ganz auf Konto des antireligiösen genius loci setzen, da ja die Methode westeuropäischen protestantischen, zum Teil auch jüdischen Alttestamentlern entlehnt ist. In einer besonderen Gruppe im Psalmenbuch zerstreuter Lieder glaubt Hans Schmidt Gebete von Angeklagten zu finden1. An manchen Stellen glaubt man in der Tat, Worte eines vor seinen Richtern stehenden Menschen zu hören; etwa 74: ״mein Gott, wenn ich dies getan habe, wenn wirklich Unrechtes Gut in meinen Händen ist" (aber schon die Fortsetzung: ״wenn ich dem mit mir in Frieden Lebenden Böses getan" ist eine Beteuerung moralischer, nicht juristischer Unschuld; Schmidt, seinem Gedanken folgend, korrigiert: ״meinen Genossen"); Ps 2712 ״Gib mich nicht in den Rachen meiner Widersacher, denn aufgestanden sind gegen mich Lügenzeugen"; ferner 1094, 107lo u. a. Unter Hinweis auf Deut 178 (Entscheidung durch Priester in Strafsachen), I Kön 8311י (vom Eid im Tempel vor dem Altäre), Ex 226f. und Num 5n (wo aber das Gottesgericht nur vereinzelt vorkommt; derartiges ist sonst nirgends zu finden) meint der Verf., daß es ״Gebete eines einzelnen aus Anlaß eines UntersuchungsVerfahrens" gegeben habe, die im Psalter erhalten sind. Man kann sich das nicht recht vorstellen. Die Menschen aus dem Volke, die sich gegeneinander vergangen oder eines Deliktes verdächtig wurden, waren doch keine lyrischen Dichter, und Dichter, deren Herz Leid und Not der Mitmenschen nachempfand, haben doch wahrlich ganz andere Schicksalsschlage und aufregendere soziale Erscheinungen beobachten können 1 ״Das Gebet der Angeklagten im AT", Verlag von A. Töpelmann, Gießen 1928, Beihefte zur ZAW 49, 46 S.

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