Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine kabbalistische Erklärung der Prophetie als Selbstbegegnung
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 289 (sequence 5)
- Language
- German
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289 Da der Autor des Schaare Zedek die Vorstellung von der Proplietie als einer Selbstbegegnung, also schon um 1290 als etwas in mystischen Kreisen Bekanntes zitiert, wovon er seine eigenen Erfahrungen ausdrücklich abzugrenzen für nötig hält, so muß diese Deutung also schon in der ihm vorangegangenen Generation bekannt oder entstanden sein. Es würde ausgezeichnet zum Charakter der prophetischen Kabbala Abraham Abulafias passen, wenn sich die Idee etwa hier kristallisiert hättewurde doch gerade in diesem Kreis zuerst wieder Prophetie als eine lebendige Wirklichkeit in den Mittelpunkt der Mystik gestellt, und es wäre leicht zu begreifen, daß wirkliche Erfahrungen Abulafias, seiner Lehrer oder auch seiner Freunde Anlaß zu dieser ekstatischen Umdeutung oder Ausgestaltung der Zelemvorstellung gegeben haben mögen. Der Welt des Sohar jedenfalls ist solch okkultistischer Prophetismus ganz fremd, der uns wie eine neuplatonische Deutung des alten yvü&t ooldtov als ,,erschaue dein Selbst “ klingt1 oder auch an die Erörterungen des Jamblichos über den Eigendämon, das dämonisierte und in ein astrologisches System eingesponnene Selbst des Menschen, anklingt2. Daß Spekulationen dieser Art aber auch ohne Benutzung so präziser okkultistischer Terminologie in die Kabbala Einlaß gefunden haben, beweist ein angeblich gaonäisches Zitat über das Wesen der Prophetie, das ich bisher nur in dem 1530 verfaßten großen Werk ^,עבודת הקד des Meir ibn Gabbai gefunden habe, das aber zweifellos ins 13. Jahrhundert gehört, aus dem ja die ganze Fülle gaonäischkabbalistischer Pseudepigraphen stammt, die mit dem hier mitgeteilten auch stilistisch Zusammenhängen. Auch dies Zitat scheint den Kabbalaforschern nicht von Interesse gewesen zu sein, jedenfalls habe ich es bisher noch nirgends verwertet gefunden. Der hebräische Text lautet: וראיתי לקצת מחכמי האמת שקבלו מן הגאונים דל שכתבו מה הלשון והנביא והרואה כל מיני כחותיו נחלשים ומשתנים מצורה לצורה עד אשר מתלבש בכה הצורה הנגלית אליו ואו נהפך כהו בצורת מלאך והצורה ההיא המתחלפת בו נותנת בו כה לקבל הכח הנבואי ונחקק בלבו חקיקה ציורית רוחנית. וכשהשליח גומר ועושה שליחותו או הנביא ההוא מתפשט מכח הצורה הנגלית אליו ומתלבש בכח צורתו הראשונה פושט צורה ולובש צורה או כל האיברים זה עם זה חוודים ומתחבקים ובל כחותיו הגשמיות חוורות חלילה כאשר בתחלה ואז מדבר ומתנבא בתואר בני אדם ע״ב. ,,Ich habe gesehen, daß einige Kabbalisten, die von den Geonim 1 Für diese Vermutung des Herrn Verf.. spricht, daß die Auffassung der Selbsterkenntnis als Erkenntnis des göttlichen, zur Gotteserkenntnis befähigten Seelenkernes schon für das 1. vorchristliche Jahrhundert sicher bezeugt ist. Vgl. Heinemann, Poseidonios’ metaphysische Schriften I 69 f., II 314 ff. I. H. 2 Vergl. Jamblichus: Ueber die Geheimlehren IX 1—9. (Deutsch von Th. Hopfner, 1922.) Zur Erscheinung der Selbstbegegnung als eines Spezialfalls des Doppelgänger-Phänomens vgL. übrigens die zahlreichen (aber späten und nichtjüdischen Quellen entstammenden) Berichte und Materialien in dem merkwürdigen Buch von Hans Ludwig Held: Das Gespenst des Golem (1927) S. 248—264. Held sieht übrigens in dem ganzen Golemmotiv nur eine Darstellung des Doppelgängers in populärer Weise. Monatsschrift, 74. Jahrgang. 19