Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine kabbalistische Erklärung der Prophetie als Selbstbegegnung
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 4)
- Language
- German
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hierher zu schreiben .... und so lautet jene Erzählung: ,,Folgendes hat mir der gelehrte Rabbi Nathan s. A. gesagt: Wisse, daß das vollkommene Geheimnis der Prophetie für den Propheten darin besteht, daß er plötzlich die Gestalt seines Selbst vor sich stehen sieht und sein Selbst vergißt und es von ihm entrückt wird.1 und er die Gestalt seines Selbst vor sich sieht, wie sie mit ihm spricht und ihm. die Zukunft verkündet, und von diesem Geheimnis haben die Weisen gesagt: Groß ist die Kraft der Propheten, die die Gestalt ihrem Träger vergleichen. Und der Gelehrte R. Abraham ibn Esra sagt: der Hörende (bei der Prophetie) ist ein Mensch und der Redende ist ein Mensch2. Und ein anderer Gelehrter schreibt hierüber Folgendes: Mir nämlich ist kraft des Zusammenfügens (von Gottesnamen) und der einsamen Meditation begegnet, daß das Licht, das ich gesehen habe, mit mir gewandelt ist, wie ich im Buche Schaare Zedek ausgeführt habe3. Aber daß die Gestalt meines Selbst vor mir selbst steht, dessen bin ich nicht gewürdigt worden und das vermag, ich nicht. Und abermals ein anderer Gelehrter schreibt .Folgendes : Ich weiß und erkenne mit völliger Gewißheit, daß ich kein Prophet bin und keines Propheten Sohn, daß der heilige Geist nicht in mir ist und ich keine Gewalt über die ,,himmlische Stimme״ habe, denn all dieser Dinge bin ich nicht gewürdigt worden und habe mein Gewand nicht abgelegt4 und meine Füße nicht gewaschen — und doch rufe ich Himmel und Erde zu Zeugen an, im Himmel ist mein Zeuge und mein Bürge in den Höhen, daß ich eines Tages saß und ein mystisches Geheimnis niederschrieb, da plötzlich sah ich die Gestalt meines Selbst mir gegenüber stehen und mein Selbst von mir entrückt und war genötigt und gezwungen mit Schreiben aufzuhören, und auch als wir5 dieses Buch verfaßten und den unverstellten Gottesnamen nach seinen Vokalen vokalisierten, erschienen vor unseren Augen störende Dinge, wie rotes Feuer bei Sonnenuntergang, bis wir durch sie verwirrt wurden und abließen. Und dies ist uns bei unserm Werke viele Male begegnet.״ 1 Es ließe sich eventuell auch übersetzen: und er von ihm entrückt wird, d. h. von seinem eigenen Selbst. 2 Das ist aus Ibn Esras Kommentar zu Daniel X 21 entnommen. 3 In diesem Werk findet sich folgender Bericht über seine Lichtvision: ״Während ich nach Mitternacht saß, die Feder in der Hand und das Papier auf meinen Knien, spürte ich eine Hemmung und sah die Lampe allmählich verlöschen und stand auf, sie in Ordnung zu bringen, wie das dem Wachenden oft geschieht. Da sah ich, daß das Licht stehen blieb. Ich verwunderte mich sehr und sah bei genauem Aufmerken, daß es von mir selbst ausging. Ich sagte: ich glaube es nicht, ging im ganzen Haus umher, aber das Licht geht immer mit mir, ich versteckte mich auf dem Diwan unter einer Decke, aber es ging momentan mit mir. Da sagte ich: das ist gewiß ein großes Zeichen.“ (Den hebräischen Text dieser merkwürdigen Vision habe ich 1924 in Kirjath Sefer I S. 134 zum ersten Mal publiziert.) 4 Aus dem Hohenlied genommenes mystisches Bild für unmittelbare, hüllenlose Schau, das auch von anderen Kabbalisten des 13. und 14. Jahrhunderts gebraucht wird, vgl. Rekanati, Thora-Kommentar zu Wajera (Ed. 1523 f. 34c) und auch schon Mose de Leon in משכן העדות (Hs. Berlin f. 36b). 5 Das Folgende ist wohl als Zusatz des R. Mose ben Jakob, des Sammlers der Schuschan ssodoth, zu betrachten, dessen Buch ja in der Tat sehr viele Stücke magischen und theurgischen Charakters enthält, bei denen ״Vokalisationen“ der Gottesnamen eine sehr große Rolle Spielern