Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine kabbalistische Erklärung der Prophetie als Selbstbegegnung
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 290 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829967-2829972-2836255--49924-2836334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
290 empfangen haben, folgendes geschrieben haben: Beim Propheten und Seher werden alle Arten seiner (seelischen) Kräfte schwach und verwandeln sich von Form zu Form, bis er sich in die Kraft der Form einkleidet, die ihm erscheint, und dann wird seine Kraft in die Form eines Engels verwandelt, und diese Form, die sich in ihm verwandelt, gibt ihm die Kraft, die prophetische Kraft aufzunehmen, und sie wird in seinem Herzen auf eine geistige und nur von der Form be״ stimmte Weise eingegraben. Und wenn der Sendbote seine Sendung beendet hat, so legt jener Prophet die Kraft der Form, die ihm er״ schienen ist, ab und Meidet sich wieder in die Kraft seiner ersten Form ein, und legt so Formen ab und an. Dann verbinden sich all seine Glieder wieder miteinander und alle seine körperlichen Kräfte kehren zurück, wie sie vorher waren, und dann spricht und pro״ phezeit er nach der Weise der Menschen/' Auch dies Zitat muß also dahin verstanden werden, daß die Prophetie als eine Wandlung im Selbst des Propheten gedeutet wird, so daß der ,,Engel", der zu ihm spricht, nichts anderes ist als eine Metamorphose seiner eigenen ,,Kraft". Durch die oben angeführten Stellen aus dem Buche Schuschan ssodoth nun wird ein kurzer, aber sonst ganz rätselhafter Hinweis Moses Cordoveros verständlich: Dieser macht in seinem 1548 verfaßten Pardes rimonim in dem Abschnitt, der die Lehre vom Zelem behandelt1, die Bemerkung, das Zelem (das er ebenfalls durchaus als principium individuationis in seinen weiteren Darlegungen auffaßt, nämlich im Unterschied zu den drei Elementen der Seele als ein eigenartiges Medium zwischen Seele und Körper) sei so beschaffen, daß ״manche von den Frommen seine Gestalt schon im Diesseits erfassen"2. Aber vom Zelem selbst wird das nirgends im Sohar und der ihm folgenden Literatur behauptet, und es kann kein Zweifel sein, daß Cordovero, und zwar durchaus mit Recht, Stellen wie die hier mitgeteilte oder ähnliche3 über die Begegnung des Menschen mit seinem Selbst, die als das Wesen des Aktes der Prophetie betrachtet wird und deren, wie wir sahen, auch andere Fromme mitunter ״plötzlich" innewerden können, eben in der fixierten kabbalistischen Terminologie auf das Zelem bezog und so auch dieser tiefen menschlichen Erfahrung in seinem großen ״Park der Mystik" ihren kabbalistischen Ort zu sichern suchte. - 1 'שער הנשמה פדק ד. 2 עד שיש מן החסידים משיגים דמותו בעולם הזה. 3 Gordovero könnte, der Zeit nach, das 40 Jahre vorher verfaßte שושן סודות kennen, aber in seinen Werken findet sich, außer eben dieser Zeile, nichts, was eine Bekanntschaft mit diesem Buch für ihn anzunehmen zwingen würde. Es ist natürlich auch durchaus möglich, daß er unter den (wie aus den Literaturangaben des Pardes hervorgeht) sehr reichen Handschriftenschätzen Safeds die Quelle des שושן סודות direkt benutzen konnte. War doch auch das oben erwähnte Buch שעדי צדק um diese Zeit in Palästina bekannt, da es der Jerusalemer Rabbiner Juda Albottini in seinem ם׳ סולם העלייה ausgeschrieben hat, wie ich in Kirjath Sefer II S. 139 gezeigt habe.