Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Psychoanalyse und Kulturphilosophie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
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253 Gegenwart, die Kapitel: Philosophie des Lebens und Religions- Psychologie.) Wird aber diese selbständige Geistnatur des Menschen als Wesen des Menschen im Unterschiede vom Tier anerkannt, dann entzieht sich die Kultur der ihr von Freud gestellten Aufgabe, dem Menschen lediglich das höchste Maß allgemeiner Triebbefriedigung zu gewähren. Sondern bei der nicht außer acht zu lassenden Aufgäbe, die vitalen Interessen der Menschen ihrer Befriedigung entgegen zu führen, die triebhafte Grundlage auch des menschlichen Lebens voll zu würdigen, ist das Gesetz ihrer Befriedigung, Richtung, Maß und Ziel des individuellen und sozialen Lebens nicht von den Trieben, sondern von der Kultur aus zu bestimmen. In dieser Beherrschung der Triebe durch den Kulturwillen handelt es sich dann nicht um eine ökonomische Verdrängung der individuellen libidinösen Triebe zugunsten des Massenegoismus, sondern um die Realisierung der wahren Rangordnung der Werte, um die Höherstellung der sittlichen Werte über die vitalen Werte. Erziehung bedeutet alsdann nicht Erziehung zur R.e a 1 i t ä t, zur Resignation, sondern zur I d e a - 1 i t ä t, aber einer Idealität, die auch die Triebbasis des Lebens, die vitalen Werte als Werte, wenn auch von minderer Höhe anerkennt. Wenn Freud die Selbständigkeit der Kulturwerte der Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst verkennt und sie den trieb ökonomischen Werten unterordnet, so steht er völlig verständnislos den r e 1 i - g i ö s e n Werten gegenüber. In der Religion sieht er eine illusionäre Befriedigung der Sehnsucht nach Sicherheit und Glück des menschliehen Lebens, eine Kindheitsneurose der Menschheit, die im natürliehen Wachstumsprozeß überwunden werden muß. Es kann und soll nicht geleugnet werden, daß nicht nur in der ersten Phase ihrer Entwicklung innerhalb der Menschheit, sondern auch in der Gegenwart Religion vielfach mit den eudämonistischen Trieben und Wünschen des Menschen verquickt ist. In ihrer Reinheit d. h. in ihrem Wesen aber bedeutet Religion nicht den Willen, Gott dem Menschen, seinen Wünschen dienstbar zu machen, sondern Unter- Ordnung des Menschen unter den Willen Gottes aus innerlichster Bejahung der Liebe zu Gott. ,,Mache seinen Willen zu dem Deinigen!“ ist der Dienst des Frommen, der nicht Knecht seiner Triebe ist. Das scheidet Religion von Magie, daß diese die Herrschaft des Menschen über das Geisterreich zur Machtsteigerung des Menschen zum Zwecke hat, Religion hingegen den Menschen zum Mitglied und im Judentum zum Mitschöpfer des Gottesreiches erhebt. So ist auch der Zugang zur Religion nicht eine vorwissenschaftliche, mythologisch-affektive Naturbetrachtung, sondern die Selbständigkeit der religiösen Erfahrung von der Wirklichkeit Gottes. Freud lehnt den Wahrheitswert der religiösen Intuition ab. Die Eigenart der ursprünglichen religiösen Erfahrung aber, wie sie in den Propheten mit elementarer Energie, doch auch im religiösen Erlebnis demütiger Andacht vor Gott sich dem Frommen erschließt, beweist nur die Unve r g 1 eichlichkeit der religiösen Erfahrung mit allen anderen Formen des Werterlebens, auch der Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst, nicht aber ihre Ungewißheit.