Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Psychoanalyse und Kulturphilosophie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
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252 und dergleichen gemacht wird, ist uns bisher absolut unbekannt geblieben. Es ist also ganz selbstverständlich, daß nicht nur das ganze Reich dieser Akte überhaupt auf alle Fälle vorauszusetzen ist, sondern auch, daß in jedem Falle, da die Theorie zur Erklärung eines individuellen Lebensvorganges Verwendung finden soll, die spezifischen Begabungen, so wie die spezifischen Interessenrichtungen auf . Anwendungsgebiete dieser Begabungen vorausgesetzt werden müssen. — Soll also das Wort״Sublimierung“ hier einen vernünftigen Sinn haben, so kann es nur besagen wollen, es sei durch diesen Vorgang einer Zurückdrängung der Libido den dispositionell vorhandenen geistigen Befähigungen und Interessenrichtungen eine Energie zugeleitet worden, die ihnen sonst bei schrankenloser Hingabe an die Libido versagt geblieben wäre.“ (Max Scheler: Wesen und Formen der Sympathie 2. Aufl. S. 240.) Außer der Triebsublimierung ist nach Freud die Entstehung eines Ueber-Ich, eines Gewissens, des Schuldgefühls, Grundlage der Kultur. Dieses Schuldgefühl aber soll in der Ambivalenz der Gefühle gegenüber dem Vater, im Oedipuskomplex seinen Ursprung haben. ,,Reue war das Ergebnis der uranfänglichen Gefühlsambivalenz gegen den Vater; die Söhne haßten ihn, aber sie liebten ihn auch; nachdem der Haß durch die Aggression befriedigt war, kam in der Reue über die Tat die Liebe zum Vorschein, richtete durch Identifizierung mit dem Vater das Ueber-Ich auf, gab ihm die Macht des Vaters wie zur Bestrafung für die gegen ihn verübte Tat der Aggression, schuf die Einschränkungen, die eine Wiederholung der Tat verhüten sollten. — So ist das Schuldgefühl Ausdruck des Ambivalenzkonfliktes, des ewigen Kampfes zwischen dem Eros und dem Destruktionstrieb.“ (Das Unbehagen in der Kultur S. 114.) Ohne in eine Diskussion darüber eintreten zu wollen, ob der Oedipuskomplex eine psychologische Tatsache ist, ob libidinöse Liebe und Haß zwischen Sohn und Vater bestehen, muß man doch fragen, was bedeutet es, daß aus dieser ,,Liebe“ das Gewissen hervorgegangen ist? Inwiefern erfassen wir hier ,,in voller Klarheit den Anteil der Liebe an der Entstehung des Gewissens“? Ist die Liebe libidinös wie der Haß, so begreifen wir die Ambivalenz der Gefühle. Aber welches Objekt wird nicht, zum mindesten in verschiedenen Zeiten, anziehend und abstoßend auf uns wirken? Und so ,,bereuen“ wir eine Zerstörung des Objekts, das wir jetzt begehren. Ist aber diese ״Reue“ Schuldbewußtsein, Gewissen? — Soll aber die Liebe, die Ursprung des Gewissens ist, nicht libidinöse, sondern ״zielgehemmte“ Liebe sein, so stehen wir wieder vor der Alchymie der Triebsublimierung oder— vor der Liebe als sittlicher, selbständiger Grundkraft des Menschen, in der wir aus aller Befangenheit in unsere eigenen Interessen und Wünsche heraustreten! Es gelingt Freuds Theorie der Ableitung des Gewissens aus dem Ambivalenzkönflikt so wenig als dem Spencerschen Prinzip der gesellschaftlichen Erziehung oder dem Wundtschen Prinzip der Heterogonie der Zwecke die Dualität von Trieb und Kultur monistisch ,,aufzuheben“ und die Kultur aus dem Triebleben abzuleiten. (Vergl. A. Lewkowitz: Mechanismus und Idealismus II Seele und.Wert; siehe auch Religiöse Denker der