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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 4 · p. Seite 251

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 4
Article
Psychoanalyse und Kulturphilosophie
Date
1930-01-01
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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251 Kulturaufgabe des Individuums und der Menschheit begreift. Und wir würden nicht zögern, in dieser Lösung eine bedeutsame Klärung des psychologischen und kulturphilosophischen Problems zu sehen, wenn Freud mit gleicher Tiefe und Selbständigkeit, mit der er den asozialen, aggressiven, libidinösen, animalischen Triebcharakter des Menschen erfaßt, auch Sinn und Ursprung der Kultur, des Widerparts des Trieblebens, erkennen würde. Hier, in seiner Kulturphilosophie, räumt wohl Freud ein, daß Nutzen und Lust nicht die alleinigen Motive menschlichen Wollens sind und daß' ,,Kultur nicht besser zu kennzeichnen sei, als durch die Schätzung und Pflege der höheren psychischenTätigkeiten, der intellektuellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen, der führenden Rolle, welche den Ideen im Leben der Menschen eingeräumt wird"' (Das Unbehagen in der Kultur S. 54). Ja, er gesteht sogar zu: ,,Ob man die höchste Leistung des Menschengeistes in ihnen sieht oder ob man sie als Verirrungen beklagt, man muß anerkennen, daß ihr Vorhandensein, besonders ihre Vorherrschaft einen Hochstand der Kultur bedeutet“ (a. a. O. S. 55). Nichtsdestoweniger kennt Freud keinen anderen Maßstab ihrer Geltung, als das Maß von realer Triebbefriedigung, das sie gewähren, und hierin allein besteht ihre ״Vernunft“. Damit aber ist der selbständige Wert der Kultur in Abrede gestellt. Und wie den selbständigen Wert, so bestreitet Freud den selb - ständigen seelischen Ursprung־ der Kultur. Die Trieb- Sublimierung soll es erklären, wie aus sinnlicher, genitaler Liebe Liebe zwischen Eltern und Kindern, den Geschwistern in der Familie, zielgehemmte Liebe, Freundschaft, alle den bloßen Nutzen überragende höhere psychische Tätigkeit hervorgehen. Ohne in Abrede zu stellen, daß alle Kultur durch die Not des Lebens zu ihrer ersten Entwicklung gekommen ist, daß Wissenschaft, Sittlichkeit, Kunst, Religion den vitalen Interessen des Menschen ursprünglich dienstbar waren und es noch'heut teilweise sind, bedeutet dieser Einfluß der Not des Lebens auf die Entwicklung der Kultur nicht die Erzeugung der kulturellen psychischen Energien durch die Not des Lebens. Die Kultur beruht grundsätzlich auf der Autonomie der seelischen Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens als spezifisch menschlicher Kräfte, die den Menschen über seine vitalen, animalen Interessen hinaus zur Erkenntnis und Verwirklichung der Kultur führen. Ueber die Interessen der Technik hinaus entfaltet sich die Wissenschaft, . vielfach im Gegensatz zur ,,Realpolitik“ die Sittlichkeit, über das zweckgebundene, vitale Sehen das künstlerische Sehen, über die Magie die Religion und verlangen Unterordnung des Lebens unter die Kultur. Unverständlich aber ist es, wie aus den vitalen Interessen die ,,jenseits der Lust“ ihren Sinn entfaltenden Reiche der Kultur hervorgehen sollen. ,,Nach Freuds Darstellung hat es den Anschein, als nehme er an, es entsprängen die Akte geistiger Betätigung, wie sie in aller Erkenntnis und Kunsttätigkeit, in allem Wirken im Beruf sich betätigen, aus verdrängter Libido. Sollte das wirklich Freuds Meinung sein, so erübrigt sich hier eine Diskussion; denn eine geistige Alchymie, durch deren Künste aus ,,Libido“ ,,Denken“ und ,,Güte“

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