Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Psychoanalyse und Kulturphilosophie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
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250 wichtiger Fortschritt auf dem Wege, der zur Versöhnung mit dem Druck der Kultur führt (a.a. O. S. 67 ff.). Die religiösen Vorstellungen enthalten aber nicht allein illusionäre Wunscherfüllungen, sondern auch bedeutsame historische Reminiszenzen. So wie das Kind Zwangsneurosen durchmachen muß, bis es seine unbrauchbaren Triebansprüche durch rationelle Geistesarbeit unterdrücken kann, ist die Religion ,,die a 11 g e - meine menschliche Zwangsneurose; wie die des Kindes stammt sie aus dem Oedipuskomplex der Vaterbeziehung. Nach dieser Auffassung wäre vorauszusehen, daß sich die Abwendung von der Religion mit der schicksalsmäßigen Unerbittlichkeit eines Wachstums Vorganges vollziehen muß, und daß wir uns grade jetzt mitten in dieser Entwicklungsphase befinden“ (a. a. O. S. 70). Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, er muß endlich die Realitäten des Lebens erfassen. Man darf das ״die Erziehung zur Realität“ nennen. Dadurch, daß er seine Erwartungen vom Jenseits abzieht und alle frei gewordenen Kräfte auf das irdische Leben konzentriert, wird er wahrscheinlich erreichen können, daß das Leben für alle erträglich wird und die Kultur keinen mehr erdrückt. Die vom Druck des religiösen Lebens befreite Erziehung wird vielleicht nicht viel am psychologischen Wesen des Menschen ändern. Der Gott Logos ist vielleicht nicht sehr allmächtig, kann nur einen kleinen Teil von dem erfüllen, was seine Vorgänger versprochen haben. Dafür aber ist der Glaube an die Wissenschaft keine Illusion. Eine Illusion aber wäre es zu glauben, daß wir anderswoher bekommen könnten, was sie uns nicht geben kann (a. a. O. S. 90 ff.). — Unsere Stellungnahme zum Freudschen System der Psychoanalyse und Kulturphilosophie muß von der Feststellung des einheitlichen Grundzuges ausgehen, der Psychoanalyse und Kultur- Philosophie Freuds durchzieht. Trieb und Kultur in ihrer Gegensätzlichkeit und gleichzeitigen positiven Bezogenheit sind dieGrundlagen des individuellen und des allgemein menschlichen Lebens. Fehlleistungen, Träume, Neurosen enthüllen den dynamischen Charakter des menschlichen Seelenlebens, erweisen in den Trieben die wirkenden Kräfte des Menschen. Ihnen stellt sich in der Kultur, der Erfahrung, der Kenntnis der Realität die Wissenschaft, die ״Vernunft“ mäßigend, einschränkend, Verzicht fordernd und hierdurch dem Menschen eine relative Sicherheit und Wunschbefriedigung gewährend, entgegen. Sind die Triebe stärker als die Vernunft, so kommt es zum Durch- .brach der asozialen, aggressiven Triebe entweder in offener Feind- Seligkeit gegen die Kultur oder in latenter Unterwühlung der Kultur durch die im Unbewußten minierende Arbeit der in Symptomen 'sich entladenden Triebe. Eine Heilung des Individuums und der Menschheit kann nur durch Analyse der Symptome, durch Bewußtmachung der Triebe, Kräftigung des Kulturwillens, Vervollkommnung der׳ kulturellen Einrichtungen zur Befriedigung des Trieblebens erfolgen. Hier scheint also wirklich jene Erkenntnis des Menschen erreicht zu sein, die den Doppelcharakter des Menschen, seinen Trieb- und seinen Vernunftwillen als sein individuelles Schicksal und die rechte Ineinsbildung von Trieb und Vernunft als die Erziehungs- und