Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Psychoanalyse und Kulturphilosophie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
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249 ihrer Aufgabe, den Menschen gegen die Natur zu verteidigen, sie setzt sie nur mit anderen Mitteln fort. Die Aufgabe ist hier eine mehrfache; das schwer bedrohte Selbstgefühl des Menschen verlangt nach Trost, der Welt und dem Leben sollen ihre Schrecken genommen werden, Der erste Schritt zur Erledigung dieser Aufgabe ist, die Natur zu vermenschlichen. An die unpersönlichen Kräfte und Schicksale kann man nicht heran, sie bleiben ewig fremd. Aber wenn in den Elementen Leidenschaften toben wie in der eigenen Seele, wenn selbst der Tod nichts spontanes ist, sondern die Gewalttat eines bösen Willens, wenn man überall in der Natur Wesen um sich hat, wie man sie aus der eigenen Gesellschaft kennt, dann atmet man auf, fühlt sich heimlich im Unheimlichen, kann man seine sinnlose Angst psychisch bearbeiten. Man kann gegen diese gewalttätigen Uebermenschen draußen dieselben Mittel anwenden, deren man sich in der menschlichen Gesellschaft bedient, kann versuchen sie zu beschwören, zu beschwichtigen, zu bestechen. Solch ein Ersatz der Naturwissenschaft durch die Psychologie schafft nicht bloß sofortige Erleichterung, er führt weiter zur Uebertragung der Vatersehnsucht des Kindes und zugleich zur Furcht des Kindes vor der Macht des Vaters auf die Götter. So wird ein Schatz von Vorstellungen geschaffen, geboren aus dem Bedürfnis, die menschliehe Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut aus dem Material der Erinnerungen an die Hilflosigkeit der eigenen und der Kindheit des Menschengeschlechts. (Zukunft einer Illusion: S. 23 ff.) Durch das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, die Einsetzung einer sittlichen Weltordnung versichert die Erfüllung der Gerechtigkeitsforderung, die innerhalb der menschlichen Kultur so oft unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung der irdischen Existenz durch ein zukünftiges Leben stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen bei, indem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen (a. a. O. S. 48). Welches aber ist der Wahrheitswert dieser Vorstellungen? Sie sind Illusionen. Denn für die Illusion ist charakteristisch ihr Hervorgehen aus menschlichen Wünschen und ihr Widerspruch zur Wirklichkeit. ,,Die religiösen Lehren sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar. Die wissenschaftliche Arbeit ist für uns der einzige Weg, der zur Kenntnis der Realität außer uns führen kann. Es ist nur Illusion, wenn man von der Intuition und der Selbst- Versenkung etwas erwartet; sie kann uns nichts geben als schwer deutbare Aufschlüsse über unser eigenes Seelenleben, niemals Auskunft über die Fragen, deren Beantwortung der religiösen Lehre so leicht wird“ (a. a. O. S. 50). Nur eine wissenschaftliche Erkenntnis der Natur und der kulturellen Einrichtungen macht den Menschen zum Herrn über die Natur und die Kultur. Beweist die Technik das erstere, so wird mit der fortschreitenden Erkenntnis des menschlichen Ursprungs der Kulturvorschriften auch die Starrheit und Umwandelbarkeit dieser Gebote und Gesetze fallen. Die Menschen könnten verstehen, daß diese geschaffen sind, nicht so sehr, um sie zu beherrschen, sondern vielmehr, um ihren Interessen zu dienen. Dies wäre ein