Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Psychoanalyse und Kulturphilosophie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
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248 Schuldgefühl schaffen. Wenn eine Erweiterung dieser Gemeinschaft versucht wird, wird derselbe Konflikt in Formen, die von der Ver~ gangenheit abhängig sind, fortgesetzt, verstärkt und hat eine weitere Steigerung des Schuldgefühls zur Folge. Da die Kultur die Menschen zu einer innig verbundenen Masse vereinigen will, kann sie dieses Ziel nur auf dem Wege einer immer wachsenden Verstärkung des Schuldgefühls erreichen“ (a. a. O. S. 11.4 ff.). So wird der Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt. Es ist die Schicksalsfrage der Menschheit, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressionstrieb Herr zu werden. Andererseits dürfen wir erwarten, allmählich solche Abänderungen unserer Kultur durchzusetzen, die unsere Bedürfnisse besser befriedigen und Leiden beseitigen, die zu vermeiden sind. Nutzen, Lust, Triebsublimierung, Schuldbewußtsein, Gewissen sind die Fundamente der Kultur und doch zeigt das ständige Unbehagen in der Kultur die Unsicherheit dieser Fundamente. Dazu kommt das immer stärkere Anwachsen des Schuldgefühls. ,,Ist die Kultur der notwendige Entwicklungsgang von der Familie zur Menschheit, so ist unablösbar mit ihr verbunden, als Folge des mitgeborenen Ambivalenzkonflikts, als Folge des ewigen Haders zwischen Liebe und Todesstreben, die Steigerung des Schuldgefühls vielleicht bis zu den Höhen, die der Einzelne schwer erträglich findet“ (a. a. O. S. 115). Diese Steigerung des Schuldgefühls in der Kulturentwicklung führt zu der Frage, ob nicht, wie der Einzelne unter der Last des Schuldgefühls neurotisch erkrankt, auch .,,manche Kulturen — oder Kulturepochen — möglicherweise die ganze Menschheit unter dem Einfluß der Kulturstrebungen neurotisch geworden sind. An die analytische Zergliederung dieser Neurosen könnten therapeutische Vorschläge anschließen, die auf großes praktisches Interesse Anspruch hätten. Ich könnte nicht sagen, daß ein solcher Versuch zur Uebertragung der Psychoanalyse auf die Kulturgemeinschaft unsinnig oder zur Unfruchtbarkeit verurteilt wäre“ (a. a. O. S. 134). Eine solche neurotische Erkrankung der Menschheit sieht Freud in der Religion: Wie für die Menschheit im Ganzen, so ist für den Einzelnen das Leben schwer zu ertragen. Ein Stück Entbehrung legt ihm die Kultur auf, an der er teil hat; ein Maß Leiden bereiten ihm die anderen Menschen entweder trotz der Kulturvorschriften oder infolge der Unvollkommenheit dieser Kultur. Dazu kommt, was ihm die unbezwungene Natur, er nennt es Schicksal, an Schädigung zufügt. Ein ständiger ängstlicher Erwartungszustand und eine schwere Kränkung der natürlichen Selbstliebe ist die Folge dieses Zustandes. Wie der Einzelne gegen die Schädigungen durch die Kultur reagiert, wissen wir bereits; er entwickelt ein entsprechendes Maß von Widerstand gegen die Einrichtungen dieser Kultur. Aber wie setzt er sich gegen die Uebermacht der Natur, des Schicksals zur Wehr? Die Kultur nimmt ihm diese Leistung ab, sie besorgt sie für alle in gleicher Weise. Sie macht nicht etwa Halt in der Erledigung