Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Psychoanalyse und Kulturphilosophie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
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246 mit der gleichen Ausnahme ־—zum Opfer der rohen Gewalt werden läßt“ (a. a. O. S. 56). Ein gut Teil des Ringens der Menschheit staut sich um die eine Aufgabe, einen zweckmäßigen d. h. beglückenden Ausgleich zwischen diesen individuellen und den kulturellen Massenansprüchen zu finden; es ist eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich durch eine bestimmte Gestaltung der Kultur erreichbar oder, ob der Konflikt unversöhnlich ist (a. a. O. S. 57). . Dieses Ziel menschlicher Kultur, möglichst allgemeine und gesicherte Triebbefriedigung zu gewähren, ist aber nur durch, starke Triebeinschränkung zu gewinnen. Nicht allein der Sexualtrieb, auch die Aggressionsneigung des Menschen müssen zu starken Verzichten gebracht werden. So wenig die Menschen auch in der Vereinzelung existieren können, empfinden sie daher die Opfer, die die Kultur ihnen auferlegt, als drückend. Die Durchsetzung der kulturellen Forderungen bedarf daher des Zwanges. ,,Es scheint, daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht auf bauen muß; es scheint nicht einmal gesichert/daß beim Auf hören des Zwanges die Mehrzahl menschlicher Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung auf sich zu nehmen, deren es zur Gewinnung neuer Lebensgüter bedarf. Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen, daß bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind, um ihr Verhalten in der menschlichen Gesellschaft zu bestimmen“ (Freud: Zukunft einer Illusion S. 11). So bekommt man den Eindruck, daß die Kultur etwras ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderheit auf erlegt wurde. Ebenso wie den Zwang zur Kulturarbeit, kann man die Beherrschung der Masse durch eine Minderzahl nicht entbehren (a. a. O. S. 8 ff.). Diese Minderzahl, die Führer, haben in eigenartiger Weise sich dadurch von den libidinösen Trieben relativ unabhängig gemacht, daß sie den Hauptwert vom Geliebtwerden auf das eigene Lieben verschieben; dadurch, daß sie von dem Sexualziel ablenken und den Trieb in eine zielgehemmte Regung verwandeln. Andere Triebe, werden dazu veranlaßt, ihre Befriedigung zu verschieben, auf andere Wege zu verlegen. Dies ist die Sublimierung der Triebziele. Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung. Sie macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame Rolle im Kulturleben spielen. (Das Unbehagen in der Kultur S. 59.) Triebsublimierung aber wird auch innerhalb der sozialen ׳ Beziehung wirksam. Liebe nennt man die Beziehung zwischen Mann und Weib, die auf Grund ihrer genitalen Bedürfnisse eine Familie gegründet haben, Liebe aber. auch die positiven Gefühle zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Geschwistern in der Familie, obwohl wir diese Beziehung als zielgehemmte Liebe, als Zärtlichkeit beschreiben müssen. Liebe war ursprünglich vollsinnliche Liebe und ist es im Unbewußten des Menschen noch immer. Beide, vollsinnliche und zielgehemmte Liebe greifen über die Familie hinaus und stellen neue Bindungen an bisher Fremde her. Die genitale Liebe führt zu