Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Psychoanalyse und Kulturphilosophie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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245 Bewußtsein an ihrer Befriedigung gehindert ins Unbewußte nur verdrängt sind, ohne ihre dynamische Energie zu verlieren und daher in Symptomen zur Ersatzbefriedigung zu gelangen suchen. So führt die Psychoanalyse zur Erkenntnis der Macht der libidinösen Triebe und der Bedeutung ihrer Verdrängung ins Unbewußte und damit zur Kulturphilosophie, zur Frage nach dem Grunde der Einschränkung und Verdrängung der libidinösen Triebe. Diesen Grund sieht Freud in der Not des Lebens. ״Wir können sagen, der seelische Apparat diene der Absicht, die von außen und von innen herantretenden Reizmengen, Erregungsgroßen zu bewältigen und zu erledigen. Von den Sexualtrieben ist es ohne weiteres evident, daß sie zu Anfang wie zu Ende ihrer Ent- Wicklung auf Lustgewinn arbeiten; sie behalten diese ursprüngliche Funktion ohne Abänderung bei. Das nämliche streben auch die anderen, die Ichtriebe anfänglich an. Aber unter dem Einfluß der Lehrmeisterin Not lernen die Ichtriebe bald, das Lustprinzip durch eine Modifikation zu ersetzen. Die Aufgabe, Unlust zu verhüten, stellt sich für sie fast gleichwertig neben die des Lustgewinnes; das Ich erfährt, daß es unvermeidlich ist, auf unmittelbare Befriedigung zu verzichten, den Lustgewinn aufzuschieben, ein Stück Unlust zu ertragen und bestimmte Lustquellen überhaupt aufzugeben. Das so erzogene Ich ist ,,verständig״ geworden, es läßt sich nicht mehr vom Lustprinzip beherrschen, sondern folgt dem Realitätsprinzip, das im Grunde auch Lust erzeugen will, aber durch die Rücksicht auf die Realität gesicherte, wenn auch aufgeschobene und verringerte Lust״ (a. a. O. S. 375). Damit ergibt sich für Freud folgende Philosophie der Kultur: Das Wort ,,Kultur״ bezeichnet die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt, und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehung der Menschen unter einander. ,,Als kulturell anerkennen wir alle Tätigkeiten und Werte, die dem Menschen nützen, indem sie ihm die Erde dienstbar machen, ihn gegen die Gewalt der Naturkräfte schützen und dergl.״ (Freud: Das Unbehagen in der Kultur. S. 47). Doch bereits die Freude an der Schönheit zeigt, daß die Kultur nicht allein auf Nutzen bedacht ist. So vermeinen wir die Kultur nicht besser zu kennzeichnen, ״als durch die Schätzung und Pflege der höheren psychischen Tätigkeiten, der intellektuellen, wissenschaftiichen und künstlerischen Leistungen, der führenden Rolle, welche den Ideen im Leben der Menschen eingeräumt wird״ (a, a. O. S. 54). Gleichwohl gilt ganz allgemein, auch für die hier angeführten kulturellen Aeußerungen, daß die Triebfeder aller menschlichen Tätigkeiten das Streben nach den beiden zusammenfließenden Zielen, Nutzen und Lustgewinn ist (a. a. O. S. 54). Der bedeutsamste Weg zur Erreichung dieser Ziele ist die Begründung der menschlichen Gesellschaft. Der kulturelle Zweck der menschlichen Gesellschaft ist die Sicherung des Einzelnen gegen individuelle Willkür und Unterdrückung. ״Das Endergebnis soll ein Recht sein, zu dem alle — wenigstens alle Gemeinschaftsfähigen — durch ihre Triebopfer beigetragen haben und das keinen — wiederum