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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 4 · p. Seite 244

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 4
Article
Psychoanalyse und Kulturphilosophie
Date
1930-01-01
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 Die Aufgabe stellt sich dann gradezu, für eine sinnlose Idee und eine zwecklose Handlung jene vergangene Situation aufzufinden, in welcher die Idee gerechtfertigt und die Handlung zweckentsprechend war“ (a. a. O. S. 278). Die Zwangskranken haben die Neigung zu wiederholen, Verrichtungen zu rhythmisieren und von anderen zu isolieren. Sie sind an ein bestimmtes Stück ihrer Vergangenheit f i x i e r t und verstehen nicht davon frei zu kommen. Besonders deutlich tritt dies bei traumatischen Neurosen hervor. Die traumatischen Neurosen geben deutliche Anzeichen dafür, daß ihnen eine Fixierung an den Moment des traumatischen Unfalls zugrunde liegt. In ihren Träumen wiederholen diese Kranken regelmäßig ihre traumatische Situation. Es ist, als ob diese Kranken mit der traumatischen Situation nicht fertig geworden wären, als ob diese noch als unbezwungene aktuelle Aufgabe vor ihnen stünde. Diese Analogie bestimmt Freud zur Gleich- Setzung der Neurose mit einer traumatischen Erkrankung. ״Die Neurose wäre einer traumatischen Erkrankung gleichzusetzen und entstände durch die Unfähigkeit, ein überstark affektbetontes Erlebnis zu erledigen“ (a. a. O. S. 284). Dieser Sinn der neurotischen Symptome aber ist dem Kranken selbst verborgen und: ״Nicht nur daß der Sinn der Symptome regelmäßig unbewußt ist; es besteht auch ein Verhältnis von Vertretung zwischen dieser Unbewußtheit und der Existenzmöglichkeit der Symptome. Jedesmal, wenn wir auf ein Symptom stoßen, dürfen wir schließen, es bestehen bei dem Kranken bestimmte unbewußte Vorgänge, die eben den Sinn des Symptomes enthalten. Aber es ist auch erforderlich, daß dieser Sinn unbewußt sei, damit das Symptom zustande komme. Aus bewußten Vorgängen werden Symptome nicht gebildet, sowie die betreffenden unbewußten bewußt geworden sind, muß das Symptom verschwinden“ (a. a. O. S. 289). Hier liegt der Weg zur Therapie, der Weg, Symptome durch Enthüllung ihres Sinnes, durch Bewußtmachung der unbewußten Vorgänge zum Verschwinden zu bringen. Nicht dies aber ist der Sinn dieser Zeilen, die psychoanalytische Methode Freuds in ihrer psychiatrischen Bedeutung darzustellen, sondern ihre allgemeine psychologische und weitanschauliche Bedeutung zu beleuchten. Freud selbst stellt die Hervorhebung des Unbewußten im Seelenleben in Parallele zu den Taten des Kopemikus und Darwins. Wie die Menschheit im Laufe der Zeit und der Wissenschaft von diesen zwei große Kränkungen ihrer naiven Eigenliebe hatte erdulden müssen, als sie erfuhr, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls, sondern ein winziges ' Teilchen eines in seiner Größe kaum vorstellbaren Weltsystems ist,; und daß der Mensch aus dem Tierreich hervorgegangen und seine; animalische Natur unvertilgbar sei, so bereitet die Psychoanalyse der Menschheit die dritte und empfindlichste Kränkung: ״Sie erweist, daß der Mensch nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was in seinem Seelenleben vorgeht“ (a. a. O. S. 298). Die Analyse dieser Nachrichten, der Symptome aber erweist die ungeheure Macht der libidinösen Triebe, die von unserem wachen

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