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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 4 · p. Seite 243

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 4
Article
Psychoanalyse und Kulturphilosophie
Date
1930-01-01
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 Erwachsener durch den manifesten Traumgedanken, das kunstvolle Geflecht des Traumes hindurch schwer als Wunschbefriedigung zu erkennen. ,,Die Traumentstellung ist dasjenige, was uns den Traum fremdartig und unverständlich erscheinen läßt“ (a. a. O. S. 133). Es gilt die Ursachen der Traumentstellung aufzuhellen. Die Traumentstellung ist nicht richtungslos, sondern ist Unterdrückung, Umformung, Auslassung, Umgruppierung des Materials, ist Traumzensur. Die Traumzensur wendet sich gegen diejenigen Tendenzen, Wünsche und Triebregungen, die das wache Urteil des Träumenden selbst bekämpfen würde, gegen Tendenzen, die in ethischer, ästhetischer, sozialer Hinsicht anstößig sind. ,,Vor allem sind diese zensurierten und im Taum zu einem entstellten Ausdruck gelangten Wünsche Aeußerungen eines schranken- und rücksichtslosen Egoismus“ (a. a. O. S. 139). ״Das aller ethischen Fesseln entledigte Ich weiß sich auch einig mit allen Ansprüchen des Sexuallebens, solchen, die längst von unserer ästhetischen Erziehung verurteilt worden sind, und solchen, die allen sittlichen Beschränkungsforderungen widersprechen. Das Luststreben — die Libido, wie wir sagen — wählt ihre Objekte hemmungslos, und zwar die verbotensten am liebsten“ (a. a. O. S. 146). Diese von uns längst als bezähmt und vernichtet geglaubtenTriebe durchbrechen im Traum, bei Herabsetzung der Zensur des wachen Bewußtseins, ihr Gewahrsam, das Unbewußte und dringen, wenn auch infolge der immer noch tätigen Zensur maskiert, in das Reich des Bewußtseins und erfahren ihre halluzinatorische Befriedigung. ״Wir sind nun bereit anzunehmen, daß es im Seelenleben Vorgänge, Tendenzen gibt, von denen man überhaupt nichts weiß, seit langer Zeit nichts weiß, vielleicht sogar niemals.gewußt hat. Das Unbewußte erhält damit für uns einen neuen Sinn; das ,,derzeit“ oder ״zeitweilig“ schwindet aus seinem Wesen, es kann auch dauernd unbewußt bleiben, nicht bloß derzeit latent“ (a. a. O. S. 146). Das bedeutsamste Anwendungsgebiet der psychoanalytischen Methode aber ist die Psychiatrie. Auch hier kann es nicht genügen, die physiologischen Ursachen einer psychischen Erkrankung festzustellen oder die Anomalien des seelischen Lebens, die psychiatrischen Phänomene zu beschreiben und zu klassifizieren: sie sind bei voller Würdigung dieser Forschungsmethoden zu vervollständigen durch Psychoanalyse, um das innere Getriebe des Seelenlebens zu erkunden und hierdurch die Möglichkeit zu haben, das Seelenleben therapeutisch zu beeinflussen. Und auch hier gilt es, grade den Inhalt der neurotischen Symptome, Zwangsvorstellungen, Zwangshandhingen, um den sich die Psychiatrie bisher nicht bekümmert, in seinem psychischen ״Sinn“ als Ersatzbefrieäigung unbewußter, verdrängter Triebe zu erfassen. Gestützt auf die Forschungen Leurets, Janets und Breuers und diese fortführend, steht es für Freud fest, daß die neurotischen Symptome ihren Sinn haben wie die Fehlleistungen und Träume und so wie diese ihren Zusammenhang mit dem Leben der Personen. ״Der Sinn eines Symptomes liegt in seiner Beziehung zum Erleben des Kranken. Je individueller das Symptom ausgebildet ist, desto eher dürfen wir erwarten, diesen Zusammenhang herzustellen. 16*

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