Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 3 · p. Seite 187

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 3
Article
Aus ostjüdischer Geschichte [Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 187 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829967-2829971-2836097--49772-2836174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

187 ein Beweis mehr für das verhältnismäßig hohe Alter dieser Gemeinde4. Die Kopfsteuer galt im alten Polen als anrüchig und wurde daher von anderen Bevölkerungsschichten׳ außer den Juden wenig gezahlt (S. 157). Man sieht, Vespasian mit seinem non ölet machte Schule! Ein grelles Schlaglicht auf die heutige dortige Gesinnung gegen Juden wirft eine Mitteilung (S. 177) aus der im Verlage des Magistrats der Stadt Exin erschienenen Stadtgeschichte, die von blutigen Pogromen gegen die dortigen ״Jüdchen" (!) in den Schwedenkriegen berichtet. Gemeint ist das entsetzliche Judenmorden von 1656, beiläufig eine Bestätigung dafür, daß das Wormser Memorbuch unter צין Exin versteht1. Neue Perspektiven eröffnet die Mitteilung (Heft 18 S. 168), daß an der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts die Posener Juden Abraham Laslco sowie Michael und Isaak, Söhne eines Josef inLithauisch-Brest, aus Komotau stammend, mit Italienern in Posen in merkantilen Beziehungen standen. Es handelt sich um Großhandel, insbesondere Pelzhandel. Nun wird an anderer Stelle 1491 im Pelzhandel in Posen als Großkaufmann Isaak Benke (Berke Berchen?) aus Lithauisch-Brest genannt, der Verbindungen mit Nürnberg und Augsburg unterhielt und 1492 oder kurz danach ermordet wurde. Inwieweit er und der zeitgenössische bekannte Großkaufmann Michael Josefowicz (Sohn des Josef), ,,Doktor" d. h. Rabbi, gleichfalls aus Lithauisch-Brest und dort geboren, mit den oben genannten in Beziehung zu bringen seien, bedarf einer besonderen Untersuchung2. Ob etwa gar dieser in Deutschland gewiß bekannte und weithin klingende Name den Anlaß zu der seltsamen Sage3 4 gab, daß der Posener Jude Michel, angeblich ,,Doktor der Medizin", 1525 Luther habe vergiften wollen? Ganz eigenartige Berührungspunkte mit Gebräuchen des Judentums hat der ,,Volksglauben bei den Deutschen Wolhyniens" (Deutsche Blätter in Polen, Posen 1930, VII 21, 24, 26 f., 32, 35). Die vier Flüsse des Eden spielen bei den Neugeborenen eine Rolle für Heilzwecke. Hier gibt es gleichfalls eine Sitte, über die beiden Brautleute Getreide zu streuen, das ihnen Glück, gute Ernten und viele Kinder bringen soll. Einer der Besucher ist als Jude verkleidet. Der Spiegel wird in dem Hause verhängt, in dem jemand gestorben ist, ,,sonst holt sich der Tote jemanden aus dem Hause nach". Am Gewände des Toten müssen alle Schleifen gelöst werden, denn ,,was wir auf Erden lösen, das wird auch im Himmel los sein, was wir auf Erden binden, das wird auch im Himmel gebunden sein". Die Bank, auf der der Tote gelegen hat, muß umgeworfen werden. Auch merkwürdige Vorstellungen vom ewigen Juden und der Jom-Kippur-Nacht finden sich hier4. 1 Vgl. Lewin, Die Judenverfolgungen im 2. schwed.-poln. Kriege, Posen 1901, S. 10. 2 Vgl. Zeitschrift der hist. Gesellsch. f. d. Prov. Posen XXIX 232, 259, Jew. Enc. VIII 539, Feinstein, עייר תר,לה, Warschau. 1885, S. 15, 21, 52 ff. 3 Zeitschr. d. hist. Ges. f. d. Pr. Pos. XVII 181 Anm. 1, Der Jude, Berlin-Wien 1917, II 544. 4 Vgl. Grunwald a. a. O. 1898, I 88, II 60, 1912 S. 135, Pachad Jizchak Buchst. א S. 14a I, מעבר יבק, Amsterdam 1732, S. 87b, 163 b, לוית ד,מת, Krotoschin 1854, S. 68, 79, מעמי־ המנהנים, Lemberg 1906, I 119a.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.