Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus ostjüdischer Geschichte [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 5)
- Language
- German
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188 Ulrich von Wilamowitz ־ Moellendorff, Erinnerungen 1848—1914, Verlag von K. F. Koehler, Leipzig (1928). Der Meister der klassischen Philologie bezeichnet sich hier als Kujawiak. Kujawien, der nordöstliche Zipfel der Provinz Posen, war seine Heimat. Manche Seite ist den dortigen Juden gewidmet, wie auch bereits sein Bruder, der dort einmal Landrat und später Oberpräsident der Provinz Posen war, an ihnen literarisch nicht vorübergegangen ist1. ,,Die Bauern machten mit Gänsen sehr gute Geschäfte bei den Juden in Inowrazlaw, die Gans hieß ja das Schwein der Juden . . . (1772) Drei Völker lebten im Lande: Polen, Juden, Deutsche, im wesentlichen ohne sich zu vermischen. . . Das ganze niedere Volk war vollkommen rechtlos und dachte nur an seine nächsten Bedürfnisse, die Juden ebenso. Ihre Lage wandte sich zum besseren; da waren sie zufrieden/' Es folgt eine drastische Schilderung des Inowrazlawer Juden Viertels der fünfziger Jahre2. Natürlich sind nicht alle Eindrücke, die auf den Knaben einstürmten, in ihrer Wiedergabe als einwandfreie und verständnisvolle Aeußerungen zu werten, so das Urteil über ,,das Joch eines in vielem sinnlos gewordenen (Religions-) Gesetzes". Wäre die neuere Historiographie des Posener Landes3 Wilamowitz vertrauter gewesen, so hätte er im Inowrazlawer Ghetto weit mehr Lichtpunkte in seinem Sinne entdecken können. Der ungeheuren Schwere der ostjüdischen Probleme sind aber folgende Worte sich nicht bewußt geworden: ,,Zugang aus dem Osten war unterbunden. Dort blieb die alte Erstarrung, nicht ohne daß Entsittlichung sich zeigte; unsere Heere haben nach dieser Seite grauenvolle Erfahrungen gemacht, die nur von der deutschen Judenpresse weggelogen werden. Die Emanzipation zeugte dann dort die jüdischen Führer der Bolschewicki. Schuld an beiden trägt doch vor allem die Unterdrückung auf der einen Seite noch mehr als der Rassen- und Glaubenshochmut auf der anderen." Der von .Wilamowitz als typisch gezeichnete Feibusch hat auch eine Fortsetzung seiner Lebensgeschichte. Sie besagt, daß er einen erklecklichen Teil seines Vermögens — 45 000 Mark — für Studienzwecke und je einen jüdischen, evangelischen und katholischen hilfsbedürftigen Handwerker stiftete. Die jüdische Anstalt, die diese Stiftung mit verwaltete, hatte außerdem die Pflicht von ,,Gewährung unverzinslicher Darlehen an in Inowrazlaw wohnhafte Personen ohne Unterschied der Religion und Konfession, Ausübung von Werken der Menschenliebe, insbesondere Gewährung von Unterstützung an würdige Hilfsbedürftige"4. Auch das von Wilamowitz gekennzeichnete sympathische Lebensbild Michel Lewys hat seine Fortsetzung, die ihn als trefflichen Charakter, ,,guten Geist seiner Vaterstadt, seiner Heimatprovinz", Volkswirt- 1 Wilamowitz-Moellendorff, Statist. Beschreib, des Kreises Inowrazlaw, 1870, S. 114, 161 ff., 168, Histor. Monatsblätter f. d. Prov. Pos., Pos. 1912, XIII 156. 2 S. 20, 22, 38 ff. 3 Zeitschr. d. hist. Gesellsch. f. d. Pr. Pos., Pos. 1900, XV 62, 72 ff., 82 ff., 89, Heppner-Herzberg, Aus Verg. u. Gegenw. der Juden u. der jüd. Gern, in den Pos. Landen, Kos chmin-Bromberg 1904 ff.. St 447 ff., 461 ff-, 467 ff., 476 ff. 4 Heppner-Herzberg a, a» 0• S» 478 f, An in» h