Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur wissenschaftlichen Talmudpflege [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 8)
- Language
- German
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179 jüdischen Geistes in Betracht; sie waren immer Kundgebungen hartempfundenen Drucks. Band II der. Geniza-Fragmente enthält 57 halachische Textstücke verschiedenen Inhalts und verschiedener Herkunft. Auch die altkaraitische Halacha ist vertreten. Sämtliche Stücke stammen aus gaonäischer Zeit, und man kann in ihnen die Fortsetzung der Geonica erblicken, in gewissem Sinne auch den Abschluß derselben. Wenigstens reicht der bisher herausgegebene Genizastoff so weit, daß er nach mancher Seite hin ein abschließendes Urteil ermöglicht. Das Dunkel, das über der gaonäischen Zeit schwebte, wird durch die neuen Stoffe vielfach aufgehellt. Die geschichtliche Wertung der Zeiten nach literarischen Leistungen hat für die gaonäische Epoche eine ungünstige Bilanz ergeben, G. meint: wenn es einerseits auch richtig ist, daß die gaonäische Zeit keine umfassenden Literaturwerke aufzuweisen hat, so gewannen die babylonischen Hochschulen Sura und Pumbedita gerade in dieser Zeit eine Bedeutung, die sie vorher, während der talmudischen Epoche, niemals hatten. Das gaonäische Babylon riß die Hegemonie an sich, die vorher Palästina hatte. Die Autorität der palästinensischen Schulen, besonders die des Patriarchats, hatte bis zum Ab- Schluß des Talmuds auch in Babylonien manche Bedeutung gehabt. Die gaonäische Epoche hingegen ignoriert sie ganz. Die ,,Abschnitte des Ben Babojff 573—504) פירקוי בן באבוי תרמידיה דראבא) liefern schon den Nachweis, daß die in Palästina übliche religiöse Praxis unrichtig sei. Nicht ganz unwichtig scheint mix die Begründung Ben Babojs, daß die Unterdrückungen und ReligionsVerfolgungen es sind, welche in Palästina die Lockerung religiöser Praxis herbeigeführt haben. G. möchte das Schwergewicht der Differenzen nicht so sehr auf die äußere Politik als vielmehr auf halachische Grundunterschiede zurückführen, die schon in der vorgaonäischen Zeit gegeben waren. Es ist sehr schwer, die Gründe gegeneinander genau abzuwiegen. Die Unterdrückung des jüdischen Lebens in Palästina hat sich zweifellos nachteilig ausgewirkt. Man vergleiche mein ארץ ישראל במדרש ותלמוד S. 144. Und wir können hier noch einen Schritt weiter gehen. Das von Haus aus Gegebene war: eine Gesamtjudenheit mit einem Mittelpunkt. Dieser Mittelpunkt war von Esra ab Jerusalem. So lange er sich an den Opferkult knüpfen konnte, war er vor jeder Verschiebung gesichert durch die Festlegung, daß man nirgends sonst opfern dürfe. Mit der historisch-politischen Vernichtung dieses Mittelpunktes mußte auch das Prinzip selbst fallen. Das jüdische Religionsgesetz — und auf das kommt es an — besitzt keine zweite Zentralisationsgrundlage, die so eindeutig, so unverschiebbar und so unteilbar wäre, als der Opferkult es geworden ist. Der Versuch Rabbi Jochanan ben Zakkais, den neugebildeten, Synhedrialsitz in Jabneh zu einem ähnlichen Mittelpunkt zu machen, von dem aus die ganze Judenheit ebenso strahlenmäßig beherrscht würde wie seinerzeit von Jerusalem aus, scheiterte schon an dem Zugeständnis, daß das erste Synhedrion, in dem die ganze Judenheit ihre oberste religiöse Behörde zu erblicken hatte, keine Ortsgebundenheit wahren müsse, d. h. verlegbar sei von einem Ort in 12*