Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur wissenschaftlichen Talmudpflege [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 7)
- Language
- German
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178 Weniger einheitlich ist der zweite Teil dieses Bandes. Die agadischen Stücke sind nicht alle erzählend und gehören nicht durchweg zur agadischen Literatur. Herauszuheben sind im besonderen zwei Texte apokalyptischen Inhalts. Auf ihre Eigenart weist G. mit besonderem Nachdruck hin, da sich aus talmudischer Zeit keine apokalyptischen Stücke erhalten haben. Nr. 33 verlegt G. ins 12. Jahrhundert, da sich hier Andeutungen auf den zweiten Kreuzzug finden. Nr. 32 stammt aus der Zeit cles ersten Kreuzzuges. Die nächsten zwei Stücke, Nr. 34 und 35, können noch weniger in die agadische Literatur einbezogen werden. Es sind aramäische ,,Leben-Jesu'‘-Fragmente. In diesen Fragmenten hätten wir nach G. die älteste Form des ״Toledot Jeschu", das gegen Ende des Mittelalters abgefaßt wurde. Allerdings sind auch diese Stücke nicht sehr alt. Zur Zeit ihrer Abfassung war das Aramäische keine lebende Sprache mehr. Die Wichtigkeit dieser Stücke besteht aber nicht darin, daß sie neues Material enthalten; denn neu im strengsten Sinne des Wortes ist, wie G. nachweist, auch dieses Material nicht. Man findet hierfür die Parallelen in den nicht jüdischen Quellen früherer Zeiten. Und man kann im allgemeinen nach alldem, was auf diesem Gebiete geleistet wurde, die Behauptung wagen, daß in den jüdischen ,,Leben Jesu''-Texten durchweg nur bekannte Angaben zur Verarbeitung kamen. Was dem neuen Text eine besondere Bedeutung gibt, ist die anachronistische Begründung der gegnerischen Stellungnahme seitens des zeitgenössischen Judentums zu Jesus. R. Josua ben Perachja, so heißt es gleich Anfangs des Fragments, schickte Boten nach allen Ländern, wo Juden wohnen, daß man sich des Essens und Trinkens enthalte und mit vollständigem Herzen vor Gott kasteie, damit Israel nicht untergehe, und damit seine Thora und seine Gebote durch Jesus nicht vernichtet werden. Diese Begründung ist ein chronologischer Wink für die Abfassungszeit des jüdischen ,,Leben Jesu''-Pamphlets. Der Gedankengang stammt aus einer Zeit harter Verfolgungen, wo der Judenheit die neue Religion unter Androhung gänzlicher Vernichtung aufgedrängt wurde. Eine genaue Jahresziffer wird sich hierfür kaum angeben lassen. Denn derartige Verfolgungen haben sich oft und an verschiedenen Orten wiederholt. Man dürfte nicht fehlgehen, ״wenn man hierfür das Zeitalter der Kreuzzüge in Betracht zieht. Die späteren Formen des ״Toledot Jeschu" sind viel schärfer als ihr aramäisches Vorbild. Das erklärt sich aus der verschärften Unduldsamkeit und aus dem langgenährten Fanatismus, die in den Judenverfolgungen gegen Ende des Mittelalters sich ganz besonders ausgewirkt haben. Gegnerische Schriften seitens der Juden sind niemals von der Zeitgeschichte zu trennen. Herbert Danby, der in der Beurteilung des Mittelalters eine anerkennenswerte Offenheit bekundet, spricht sich in seinen Vorlesungen über Judentum und Christentum (The Jew and Christianity, London 1927, S. 117, Anm. 16a) verwundert darüber aus, daß die Juden, welche sich in Rotterdam ansiedelten und keine Zensur zu fürchten brauchten, ebenso die nach der Türkei verpflanzten Juden die Gelegenheit nicht wahrnahmen, christengegnerische Schriften zu verfassen. Solche Schriften kommen also nicht als spontane Schöpfungen des