Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur wissenschaftlichen Talmudpflege [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 4)
- Language
- German
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175 Diese Frage versetzt uns mitten in die Strömungen - des ersten Jahrhunderts. Im Mittelpunkt derselben steht der eigenartige Kampf um das Gesetz. Der Schwerpunkt dieses Kampfes lag nicht so sehr in der Tatsache, daß zwei verschiedene Weltanschauungen — die jüdische und die griechische — in enge Berührung kamen und einander bekämpften. Ein solcher Zusammenstoß war schon zwei Jahrhunderte früher erfolgt, und wir wissen, wie das Judentum darauf reagiert hat. Was im ersten Jahrhundert vorgegangen ist, war ein Hinüberspielen der Gegensätze ins jüdische Lager und fand seinen Ausdruck darin, daß die jüdischen Vertreter des Hellenismus, die Gegensätze der Weltanschauungen verheimlichend oder nicht richtig empfindend, den Versuch machten, die fremde Weltariscliauung in die jüdischen Glaubensurkunden, in die Thora, hinüberzupflanzen. Ob sie selbst an die Richtigkeit der allegorischen Auslegung, die sie zu diesem Zwecke gebrauchten, geglaubt haben, oder ob sie in ihr b e w aBtermaßen nichts anderes als das Mittel zum Zweck sahen, mag dahingestellt bleiben. Ausschlaggebend ist die Tatsache, daß der alexandrinische Hellenist nicht offen als Leugner oder Bekämpfer des Judentums auftritt. Die Bibel ist auch ihm ein unantastbares Heiligtum. Wenigstens benutzt er sie als Boden, in den er die neue Weltanschauung hineinzupflanzen sucht. Das Primäre in jenem Kampfe war also nicht so sehr, einen offen ein־• gestandenen Gegensatz zwischen jüdischer und griechischer Weltanschauung auszutragen, als vielmehr der Versuch, den Juden als Juden zum Griechen zu machen, den ursprünglichen Inhalt seiner heiligen Schrift durch allegorische Auslegungen zu verflüchtigen und ihn in verschleierter Form mit einem neuen Inhalt zu vertauschen. Im Brennpunkt des Kampfes stand der Begriff von עול מלכות שמיס in Verbindung mit עול מצות. Die Bejahung oder Verneinung des ,,Joches der Gebotef< mußte auch für die Bestimmung des Sündenbegriffes von grundsätzlicher Entscheidung sein. B. entwickelt diesen Gedankengang, ohne ihn zunächst mit dem Sündenbegriff in Verbindung zu bringen. Von historischem Gefühl sind getragen die Entwickelungen des Bundes begriff es, die sich nahezu durch den ganzen ersten Abschnitt ziehen. Den Höhepunkt erreicht die Darstellung s. 97—98. פורק עול ומפר ברית ומגלח פנים בתורה scheint die endgültige Formel zur Bezeichnung des radikalen Aleandrinismus gewesen zu sein. פורק ע1ל ist im Sinne von פורק עול מצות zu nehmen; מפר ברית ist, wie die Parallelen zeigen auf ברית בשר zu beziehen. Die Vernichtung des Bundeszeichens war schon für die hellenistischen Juden früherer Zeiten kennzeichnend. Und מגלה פנים בתורה ist nichts anderes, als die Hinwegallegorisierung des Gesetzes. Der vollere Ausdruck ist מגלה פנים בתורה שלא כהלכה, d. h. das Entdecken oder Aufdecken eines Sinnes in der Thora nicht wie die Halacha. Es ist ein Ausdruck, der unmöglich auf Schrifterklärungen bezogen werden kann, die etwa in der praktischen Halacha, d. h. in der endgültigen Entscheidung strittiger Gesetzesfragen keine Berücksichtigung gefunden haben; denn es gibt kaum einen Talmudautor, der von solchen Schrifterklärungen frei wäre. Wir werden uns daher unter einer Schrift-