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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 3 · p. Seite 174

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 3
Article
Zur wissenschaftlichen Talmudpflege [Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 174 (sequence 3)
Language
German
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Buch ,,Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter“ (in 3. Aufl. ״Die Religion des Judentums im späthellenistischen Zeitalter“) für das Thema ״Sünde und Buße oder Sühne“ nur wenige gelegentliche Anmerkungen übrig hat und daß auch diese mehr verwirrend als aufklärend wirken. Auch die objektivere Schilderung der jüdischen Religon in der ״Neutestamentlichen Zeitgeschichte“ von O. Holtzmann läßt eine Diskussion über Sünde und Sühne ganz vermissen. J. Köberle schenkt zwar in seiner Spezialarbeit ״Sünde und Gnade“ auch dem jüdischen Standpunkt die verdiente Aufmerksamkeit, behandelt ihn aber mit derselben Einseitigkeit wie Bousset. Auf eine unmittelbare Widerlegung und Richtigstellung der Irrtümer Boussets und Anderer geht B. nicht ein. Das würde die ruhige, streng an den Quellenstoff gebundene Darstellung stören; überdies würden berichtigende Diskussionen, so sachlich sie auch geführt werden, apologetischen Charakter annehmen, was der Autor grundsätzlich vermeiden wollte. Die jüdischen Traditionsquellen sollen selbst für sich sprechen. Wer ehrliche Aufklärung über den talmudischen Standpunkt haben will, den dürfte eine erschöpfende kritisch-wissenschaftliche Heranziehung der Urtexte auch ohne ausdrückliche Bekämpfung des unkundigen oder sonst beeinflußten Gegners voll und ganz befriedigen. — Dieser Standpunkt hat zweifeilos viel für sich. Die Wahrung innerer Geschlossenheit, das Nichthinaustretenwollen aus dem eigenen Kreise ist ein Grundsatz, den das Buch auch sonst verrät. Das Buch versetzt uns ins erste Jahrhundert, in eine Zeit schwerer Kämpfe und folgenreicher Gärungen. Was damals geglaubt und gelehrt wurde, hatte keimartigen Charakter und war auf weitreichende geschichtliche Fernwirkungen berechnet. Was der Talmud damals gesagt hat/floß aus geschichtlichen Zusammenhängen. Und auch hier gibt uns B. nur das jüdische Traditions- Schrifttum und überläßt es dem Leser oder Forscher, sich das Fehlende selbst aus der Zeitgeschichte zu ergänzen. Demgegenüber hat das Buch den großen Vorzug, das innerjüdische Material vollständig und geschlossen zu geben. Die historisch-kritische Sichtung und Gliederung des Inhalts zeigt, daß wir es mit einem Zeitbild zu tun haben. Vor allem sind es gerade die ersten zwei Abschnitte — nahezu die Hälfte des ganzen Buches — die uns in die Religionskämpfe des ersten Jahrhunderts versetzen. Wenn man Sünde und Sühne nicht geschichtlich nehmen, wollte, dann würde sich ihr Inhalt mit dem decken, was man unter Uebertretung des Religionsgesetzes und unter konfessionell gebotener Gutmachung der Verletzung des Gesetzes versteht. Die Größe der Sünde und die Bestimmung entsprechender Sühne hat dann bloß innerkonfessionelle Maßstäbe. Anders steht es mit B.s Werk. Es ist kein Kanon über Sünde und Buße, sondern eine Untersuchung des obersten Prinzips, aus dem sich die Begriffe von Sünde und Buße erst ergeben. Und als solche steht sie unmittelbar mit der Frage in Verbindung: welcher Art ist der Gehorsam, den wir der Thora schuldig sind? Wie sind die Gesetze zu verstehen und wie unsere Bindung zum Gottesdienst?

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