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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 3 · p. Seite 173

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 3
Article
Zur wissenschaftlichen Talmudpflege [Rezension]
Date
1930-01-01
Page
Seite 173 (sequence 2)
Language
German
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173 Diese bunte Verschiedenheit des Inhalts erklärt sich vor allem aus der Tatsache, daß der Talmud zum enzyklopädischen Sammelwerk der zeitgenössischen Judenheit heran wuchs. Es kommt hinzu, daß der eigentliche Talmud, d. h. die Gemara (besonders die babylonische) im Gegensatz zur Mischna zum Abschluß gelangte, ohne von einer autoritativen Redaktionskörperschaft überwacht und geprüft worden zu sein. Es fehlte ihm gleichsam die Kanonisierung, die bis auf Satz und Buchstaben den Inhalt normiert, Fremdes und Unstimmiges kritisch ausscheidet. Ja, es fehlte dem Talmud auch der abschließende Akt. Rab Aschi und Rabina gelten als die letzten Redaktoren; sie sind es auch im ganzen und großen. Aber den endgültigen Abschluß gaben sie dem Talmud nicht. Sie zogen keine festen Grenzen um dieses schichtenweise emporgewachsene Werk, und vermochten es vor späteren Zusätzen und Einschüben nicht zu bewahren. Hier dürfte der Hinweis auf die Wirksamkeit der Saboräer genügen. Aus der Mannigfaltigkeit des Inhalts ergibt sich auch für die wissenschaftliche Bearbeitung des Talmuds eine Verschiedenheit der Fragenkomplexe. Im Mittelpunkte stehen jedoch auch für die moderne Forschungsarbeit nicht so sehr die kulturhistorischen als vielmehr die religionsgeschichtlichen Probleme. Immer noch, und jetzt vielleicht mehr als sonst, tritt der Talmud als Religionswerk in den Vordergrund. Und das Interesse ist kein bloß innerjüdisches; es wird vielfach von außenher gewTeckt. Einige interessante und wertvolle Veröffentlichungen der letzteren Zeit sollen uns dies verdeutlichen. Ich denke zunächst an die gründliche Untersuchung A. Biiehlers, des Leiters der Jews* College in London, über das Problem von Sünde und Sühne (Studies in Sin and Atonement in the rabbinic literatur of the first Century. Jews״ College Püblications nr. 11. Oxford University Press, London: Humphrey Milford 1928 XV. 461 S.). Die ,,Studies in Sin and Atonement“ sind das Werk eines Spezialforschers, der vier Jahrzehnte wissenschaftlicher Arbeit einem verhältnismäßig kleinen Ausschnitt der jüdischen Geschichte gewidmet hat, nämlich der Entstehungsperiode des Christentums. Auch das gegenwärtige Buch begnügt sich mit dem ersten Jahrhundert und zieht Autoren späteier Zeit nur soweit heran, als ihre Sätze unmittelbar oder mittelbar zum Traditionsinhalt des ersten Jahrhunderts gehören. Zur zeitlichen Einengung des Problems steht die begriffliche Ausdehnung seines Umfangs in umgekehrtem Verhältnis. Und die Frage ist: Liegt es etwa in der Eigenart des Themas an sich, daß zur vollen Erschließung seines Sinnes eine Studie über Thora und Gottesdienst voraufgehen muß, die nahezu die Hälfte des ganzen Werkes (211 Seiten) ausmacht, oder glaubte der Verfasser, diesen erweiterten Rahmen im besondern Hinblick auf das erste Jahrhundert schaffen zu müssen? Diese Frage ist deshalb von Wichtigkeit, weil der Verfasser uns keinen tiefem Einblick in seinen Arbeitsplan gewährt. Die knapp gehaltene Einleitung läßt letzteres vermuten. B. fällt es auf, und mit Recht, daß Bousset in seinem 600 Seiten starken

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