Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Sitten und Sagen
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 11)
- Language
- German
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171 kamen an drei verschiedenen Orten an: Lyon, Arles und Bordeaux. Die in Bordeaux Angekommenen wurden zuerst wohlwollend aufgenommen, aber nach dem Tode des ihnen geneigten Fürsten bedrückt und ihrer Habe beraubt. Darum riefen sie ein Fasten aus, für das die zwei Brüder, Josef und Benjamin, und ihr Vetter Samuel das Tachanun-Gebet והוא רחום verfaßten. Als die Not vorüber war, teilten sie das Gebet den anderen Gemeinden mit, von denen es auch angenommen wurde1. Statt der drei Gemeinden werden in einer anderen Handschrift als Reiseziel die drei Länder Italien, Spanien und Afrika und als die Verfasser des Tachanun-Gebetes Amitai, Schefatja und Josifja genannt2. Aehnlich erzählt auch eine christliche Legende von Flüchtlingen aus Jerusalem, die nach einer Verfolgung durch die Römer ein Schiff bestiegen, das ohne Kapitän und Steuermann nach Marseille gelangte. Einer von den Flüchtlingen wurde Bischof in Marseille und ein zweiter in Aix. Wie die gefangenen Gelehrten als Schul- Oberhäupter in neue Länder das Talmudwissen hinaustrugen, so verbreiteten die christlichen Flüchtlinge als Bischöfe in einem neuen Lande das Christentum. Wiederholt wird in jüdischen Legenden die göttliche Vorsehung verherrlicht, die religiöse Heiligtümer auf wunderbare Weise nach den von ihr bestimmten Orten gelangen und nicht untergehen läßt. Wie die Talmudgelehrsamkeit aus den babylonischen Hochschulen nach Spanien, so gelangt nach göttlicher Fügung auch die jüdische Mystik aus dem Morgenlande nach Italien. Abu Aharon aus dem ,,Lande Bagdad‘‘ bestieg in Joppe ein Schiff, versprach den Schiffern eine ruhige Fahrt, legte in ganz kurzer Zeit den langen Weg zurück und kam nach Gaeta in Italien, wo er einen Mann aus der Familie des Kalonymos in die Kabbala einführte3. Der Kahn mit dem Leichnam und dem letzten Willen des R. Amrain aus Köln fuhr von selbst den Rhein aufwärts nach Mainz, wo der Leichnam des Frommen von den Juden bestattet wurde4. Auf den Wellen des über seine Ufer getretenen Hermesflusses sahen die Bewohner von Magnesia einen Sarg treiben. Der Sarg barg die Leiche eines Frommen und vier Bücher, die nur die Juden lesen konnten. Der Leichnam des unbekannten Frommen wurde von den Juden beigesetzt und die'Bücher, die eine massoretische Abschrift der Bibel enthielten, wurden aufbewahrt5. ,,Nichts ist in der volkstümlichen Hagiographie alltäglicher als das Thema der wunderbaren Ankunft eines Bildes oder eines Heiligenleibs in einem verlassenen Fahrzeug; nichts ist gewöhnlicher als das Wunder des Schiffs, das stehen bleibt, oder der Ochsen, die nicht mehr weiter wollen, weil sie den auf geheimnisvolle Weise 1 Baer 112. Zunz, Literaturgeschichte 16. Groß, Gallia judaica 74 f. Berliner, Randbemerkungen I 71. 2 Groß a. a. O. 75. 3 RE J 1891, 236 f. 4 Schals che let, Amsterdam 1697, 27b. 5 B. N. Adler, Von Ghetto zu Ghetto, Stuttgart 1909, 106 f.