Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Sitten und Sagen
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
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168 Steinen des zerstörten Tempels von Jerusalem erbaut worden, die auf wunderbare Weise nach Prag gerückt sind1. Simon b. Jochai befreite die Tochter des römischen Kaisers von dem Dämon, von dem sie besessen gewesen war. Aus Dankbarkeit gestattete der Kaiser ihm und seinem Begleiter, aus dem Staatsarchiv zu nehmen, was ihnen beliebte. Sie nahmen darauf aus dem Archiv ein judenfeindliches Dekret und vernichteten es2. So erzählt auch die Chronik des Achimaaz, Schefatja b. Amitai von Oria habe die Tochter des byzantinischen Kaisers Basilius durch Austreibung eines Dämons, der sie lange gefangen gehalten hatte, geheilt und dadurch Glaubensfreiheit für seine verfolgten Brüder erwirkt3. Bei einer Disputation in Konstantinopel wurde Schefatja die Frage vorgelegt, welches Bauwerk größere Schätze verschlungen habe, der Bau des salomonischen Tempels von Jerusalem oder der Hagia Sophia von Konstantinopel. Schnell gefaßt, soll der Rabbi von Oria auf Grund der heiligen Schrift bewiesen haben, daß die Kosten des Tempels die der Kirche um rund 120 Zentner Goldes und 500 Zentner Silber noch übertroffen hätten. Die gleiche Disputation fand nach einer anderen Erzählung zwischen Kaiser Heinrich IV. und Kalonymos über den Dom von Speyer statt4. Von dem hohen R. Löw in Prag wird berichtet, daß er einen Golem erschaffen, in seinen Mund den Gottesnamen gelegt und ihm Leben eingehaucht habe. Als der Golem zu Sabbatbeginn einmal alles zu zerstören anfing, nahm der Rabbi den Gottesnamen aus dem Munde seines Gebildes, worauf der Golem in Staub zerfiel5. Auch Elia Baaischem in Chelm soll einen Golem gebildet und ihm das Leben wieder genommen haben aus Furcht, das Wundergeschöpf werde die Welt schädigen6. Schöpfer eines Golem waren der Sage nach auch Salomo Gabirol, Abraham ibn Esra, Israel Baaischem, Elia, der Gaon von Wilna, und Akiba Eger7. Von der Propheten Vorlesung, den Piutim, dem Schma in den ersten Benediktionen des Morgengebetes, der Keduscha di Siclra und dem Gebet ברוך ד לעולם אמן ואמן wird in gleicher Weise erzählt, daß sie in einer Zeit der Religionsverfolgung eingeführt worden seien; auf eine ReligionsVerfolgung wird auch die aramäische Sprache des Kaddisch zurückgeführt8. Die Zahl der gleichförmig sich wiederholenden Legenden ist groß. Wahre Begebenheiten werden jedoch nicht zu Wandersagen. Nur die Legende wandert durch die Zeiten und wird an verschiedenen Orten und von verschiedenen Personen in gleicher Weise erzählt. Die gleichförmige Wiederholung gehört zu den Merkmalen der Legende. 1 Iggeret Machlat ed. A. Freimann, Berlin 1898, 37. 2 Meila 17b. 3 Kaufmann, Gesammelte Schriften III 15 f. 4 Kaufmann a. a. 0. III 16 und Rote 1. 5 Grün, Der hohe R. Löw, Prag 1885, 33. 6 Asulai, Schern haged. s. v. Elia aus Chelm. 7 Bloch, Der Prager Golem 192 ff. Knoop, Sagen und Erzählungen aus der Provinz Posen, 358. 8 MGWJ 1928, 499 f. Schibbole ha-leket ed. Buber 9 Nr. 8.