Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Sitten und Sagen
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
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167 Dorf zu führen. Die Süncllosigkeit der Alten, die nicht mehr sündigen kann, und des Kindes, das noch nicht sündigt, soll die Bitte um Regen wirksamer machen1. Der Glaube, daß die Kinder wirksame Regenbitter sind, findet sich auch in der Agada. Zu Chanan, dem Enkelsohn Chonis des Kreisziehers, pflegte man Kinder zu.schicken, die den Saum seines Gewandes faßten und riefen: Vater, Vater, gib uns Regen! Darauf betete Chanan: Herr der Welt, tue es um derentwillen, die zwischen dem Vater, der Regen spendet, und dem, der keinen Regen zu spenden vermag, nicht unterscheiden können! Und das Gebet des Chanan fand Erhörung2. Das Gebet um Regen wird aber nicht nur um der Kinder willen erhört, sondern auch um derentwillen, die den Kindern Liebe erweisen. Rab rief in einer Gemeinde ein Fasten aus, aber es kam kein Regen. Da trat ein Mann aus der Gemeinde hin und betete um Regen und wurde erhört. Als Rab ihn nach seinem Berufe fragte, erwiderte er: Ich bin Kinderlehrer und unterrichte die Kinder der Armen gleich den Kindern der Reichen und fordere nichts von dem, der für den Unterricht nicht bezahlen kann. Ferner habe ich einen Behälter mit Fischen; wenn ein Knabe widerspenstig ist, schenke ich ihm ein Fischlein, damit er zum Unterricht komme3. IV• Die Erzählung von den vier Gefangenen• Die Legende erzählt etwas, was den historischen Berichten widerspricht oder in keinem historischen Berichte sich findet. Als Volkserzählung liebt sie ferner die Uebertreibung und das Wunderbare. Die Legende wandert ruhelos durch Länder und Jahrhunderte und wird gleichförmig von mehreren Ereignissen und Personen erzählt. Dreierlei unterscheidet die Legende von der Geschichte: ihr Wider- Spruch gegen historisch feststehende Tatsachen, ihre Vorliebe für das Wunderbare und ihre häufige Wiederholung. Als während des Bruderkrieges zwischen Aristobul und Hyrkan die Belagerer statt der Opfertiere für den Tempel ein Schwein hinaufreichten, erbebte Palästina 400 Parasangen im Quadrat. Aber auch als Jonatan b. Usiel das Prophetentargum veröffentlichte, erbebte Palästina 400 Parasangen im Quadrat4. Von der Synagoge in Schefjatib, einer Vorstadt von Nehardea, erzählt der Gaon Scherira, daß sie vom König Jechonja mit den Steinen und der Erde erbaut worden sei, die vom Tempel in Jerusalem in die Verbannung mitgebracht worden waren5. Petachja von Regensburg berichtet von zwei Synagogen, die Esra in Nisibis erbaut habe. In die Wand einer von diesen beiden Synagogen ist ein roter Stein eingemauert worden, den Esra vom jerusaiemischen Tempel mitgebracht hatte6. Auch die Altneuschule von Prag ist aus den 1 Dalman, Arbeit und Sitte in Palästina I, Gütersloh 1928, 134. 2 Taan. 23b. 3 Taan. 24a. 4 Sota, 49b. Meg. 3a. ,,400 Parasangen“ ist eine Rundzahl Gen. r. 39. Pes. d. R. 'K. 26b. Sanh. ‘95b. 5 Neubauer, Anecdota Oxoniensia I 26. 6 Eisenstein, Ozar massaot 48a.