Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Sitten und Sagen
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
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.163 lassen der beschrieenen Kinder eine Bibel gelegt1. So wurde früher auch dem jüdischen Kinde bei der Namengebung das dritte Buch der Thora, mit dem von Alters her der Unterricht begann, zu Häupten in die Wiege gelegt. In׳ der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Schrift ,,Gesetze der Lehre“ findet sich folgende Weisung: Am 8. Tage nach der Beschneidung lege man das Kind auf ein Kissen und einen Pentateuch zu seinen Häupten. Die Aeltesten der Gemeinde oder das Schuloberhaupt sollen es segnen und sprechen: ״Der Herr gebe dir vom Tau des Himmels usw“. Gen 2 728-30. Dann soll das Schuloberhaupt seine Hand auf den Knaben und den Pentateuch legen und dreimal wiederholen: Dieser lerne, was in diesem geschrieben steht; dieser übe, was in diesem geschrieben steht2. Gleich dem neugeborenen Kinde wird nach dem allgemeinen Volksglauben auch der Tote auf dem Wege ins Jenseits von Geistern bedroht. Der Zweck der Totenbücher in Aegypten war, dem Ver־־ storbenen den sicheren Weg ins Jenseits zu weisen. Der als ,,Apophisbuch“ bezeichnete Zaubertext wurde einem Priester in Theben in das Grab mitgegeben, um ihn auf dem Wege ins Jenseits vor dem Drachen Apophis zu schützen. Das 125. Kapitel des sögenannten Totenbuches trägt die Ueberschrift: ,,Was man spricht, wenn man zur Halle der beiden Wahrheiten gelangt, nachdem man sich losgemacht hat von allem Bösen, das man getan hat, um das Antlitz aller Götter zu schauen.“ Ehe der Verstorbene die ,,Halle der Wahrheit“ betritt, in der Osiris, von den 42 Totenrichtern umgeben, thront, versichert er, daß er sich von allen Sünden frei wisse, und zählt kurz die guten Werke auf, die er auf Erden begangen hat3. Auch die Orphiker gaben den Toten eschatologische Texte in das Grab mit. Die Apokalypse des Pseudopetrus, ein Stück von dem sogenannten Evangelium Petri, wurde im Grabe eines Christen in Aegypten aufgefunden4. Einen Ueberrest dieser Sitte enthält die Vorschrift des baby- Ionischen Amoräers Raba aus dem 4. Jahrhundert, man solle eine Thorarolle, die nicht mehr brauchbar ist, im Grabe eines Gelehrten verbergen5. Ein Ueberrest dieser Sitte findet sich auch in der Ehrung, die nach der Erzählung der Talmudlehrer Königen und Weisen erwiesen wurde. So lehrt R. Nechemja: ,,Ehre erwies man ihm bei seinem Tode“ 2. Chr. 3233. Worin bestand denn die dem König Hiskia erwiesene Ehrung? Man legte eine Thorarolle auf seine Bahre und sprach: Dieser hat erfüllt, was in der Thorarolle geschrieben ist“6. Als R. Huna starb, wollte man auf seine Bahre 1 Seligmann II 340. 2 Güdemann I 51, 101. 3 Bissing, Die Kultur der alten Aegypter, Leipzig 1919, 30. Greßmann, Altorientalische Texte und Bilder I 180. 186 f. 4 Albert Dieterich, Kleine Schriften 478. 5 Meg. 26b. Blau, Studien zum althebräischen Buchwesen, Budapest 1902, 113: ,,Obwohl diese Vorschrift ein babylonisches Schulhaupt des 4. Jahrhunderts zum Autor hat, dürfte sie sehr alt sein. Denn schon bei den Aegyptern war die Sitte verbreitet, den Toten Bücher in den Sarg zu legen.c< 6 B. kamma 17a. 11*