Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Bemerkungen zur Liturgie und Geschichte der Liturgie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 6)
- Language
- German
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109 es versteht, die Beracha gegen die Minim zu verfassen? Da erhob sich Samuel der Jüngere und ordnete sie ein/'1 Würde es sich hier um etwas ganz neues handeln, so'müßte es heißen: ,,Wer. unter euch versteht, eine Beracha gegen die Minim2 zu verfassen/' Folglieh kann hier nur von einer Wiedereinführung die Rede sein, von einer Wiederherstellung eines in Vergessenheit geratenen Brauches bzw. Textes. Das heißt die Birkat ha-Minim ist gleich in den ersten Anfängen des Christentums eingeführt worden, kam aber später außer Brauch und wurde dann unter R. Gamliel II. wieder eingeführt3. Wir erfahren nämlich von Eusebius, ,,daß im Zusammenhang mit dem großen Krieg und nach demselben die palästinensischen (westjordanischen) Judenchristen (nicht nur die jerusalemischen) größtenteils ausgewandert sind"4. Also die Birkat ha־Minim ist in den Uranfängen des Christentums, also schon in den letzten Jahrzehnten des Tempels eingeführt worden. Nach der Zerstörung des Tempels wurde sie wegen der Abwesenheit von Christen gegenstandslos, kam außer Gebrauch und geriet in Vergessenheit. Zur Zeit R. Gamliels aber waren entweder ein Teil der Ausgewanderten zurückgekehrt, oder es traten in Palästina selbst neue Anhänger des Christentums auf. So wurde die Wiedereinführung des Birkat ha-Minim notwendig. Wir sehen also, daß schon in den letzten Jahrzehnten des Tempelbestandes mit Rücksicht auf die Christen eine Aenderung im Gottesdienste vorgenommen wurde. Damals wurde auch der Dekalog aus dem öffentlichen Gebete ausgeschieden. Daß aber schon in den letzten Jahrzehnten des Tempels Maß- 1 Baraita Barachot 28 b: תכו רבנן שמעון הפקולי הסדיר שבנה עשרת ברמת לפני רבן גמליאל על הסדר ביבנה אמר להם ר״ג לחכמים בלום יש אדם שיודע לתקן ברכת המעין עמד שמואל הקטן ותקנה♦ 2 ברכה למינים. In der Tat lesen manche Texte bei Rabbinovicz: ברכה למינים. 3 Herzfeld, Geschichte des Volkes Israel I, S. 203 — von dem Zensurtext ברכת הצדוקים geleitet — meint, daß die Verwünschung der Häretiker in die alte Beracha gegen die Sadduzäer eingeschaltet wurde. Ebenso meint J. Brüll, מבא המשנה s. 67, 98, diese ברכה war ursprünglich gegen die Sadduzäer verfaßt worden und zur Zeit R. Gamliels, entsprechend den neuen Verhältnissen, umredigiert worden. Weiß, Bikkurim I, S. 92, Dor Dor Wedorschaw I 236 und Anm. 3, meint allgemein, daß ברכת המינים ebenfalls kein neuer Text war, sondern eine Einschaltung in die alte Beracha mit dem Schlußsatz מכניע זדים. Köhler, Hebrew Union College Annual I, S. 401 f. geht — ohne Weiß und Brüll zu kennen — denselben Weg: die alte Beracha war gegen die Syrer oder Römer gerichtet und zur Zeit R. Gamliels wurde eine Verwünschung gegen die Häretiker hineingefügt. Jedenfalls stimmen sie alle darin überein, daß die Verwünschung gegen die Minim erst zur Zeit R. Gamliels II. eingeführt wurde. Aber d i e Beracha gegen die Minim macht diese Auffassung unmöglich, da der Ausspruch schon die Verwünschung der Minim als bekannt voraussetzt. Ich fand nachher bei Zunz, Gottesdienstliche Vorträge S. 382, daß ברכת המינים noch vor der Zerstörung des Tempels eingeführt wurde. Er verweist dafür auf Responsen des R. Levi ben Chabib. Leider aber kann ich die Autorität dieses Gelehrten nicht als Stütze für meine These gebrauchen. R. Levi ben Chabib versteht nämlich unter R. Gamliel, der die Birkat ha- Minim eingeführt, R. Gamliel I. Vgl. Responsen ed. Ven. 1565, 290 a; aber diese Auffassung ist nicht richtig. 4 Harnack, Mission und Ausbreitung des Christentums S. 416.