Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Bemerkungen zur Liturgie und Geschichte der Liturgie
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 4)
- Language
- German
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107 die Säule der christlichen Urgemeinde, außerhalb Palästinas die Speisegesetze übertreten1. Noch mehr aber als diese gelegentliche Uebertretung ist für die innere Stellung der Urchristen zum Gesetz die Art bezeichnend, wie Petrus diese Gesetzesverletzung rechtfertigt: ,,Nun hörten aber die Apostel und die Brüder in Judaea davon, daß auch die Heiden das Wort Gottes angenommen hatten. Als dann Petrus wieder nach Jerusalem hinaufkam, rechteten die Gläubigen aus der Beschneidung mit ihm und sprachen: Wie konntest du zu unbeschnittenen Männern ins Haus gehen und mit ihnen zu־ sammen essen? Da begann Petrus ihnen die Sache Punkt für Punkt darzulegen und sprach: Ich war in der Stadt Joppe und betete gerade, da sah ich in der Verzückung ein Gesicht: Ein Behälter wie ein großes Leinentuch wurde an den vier Ecken vom Himmel herab־ gelassen und kam bis zu mir herab. Ich sah hin und schaute es mir an. Da erblickte ich darin die Vierfüßler des Landes, besonders auch die wilden Tiere, dann die kriechenden Tiere und die Vögel des Himmels; dann hörte ich, wie eine Stimme zu mir sprach: Auf, Petrus, schlachte und iß. Ich aber sprach: Nicht doch Herr! Noch niemals ist etwas Unheiliges oder Unreines in meinen Mund gekommen. Da sprach zum zweiten Male eine Stimme aus dem Himmel und gab zur Antwort: Was Gott für rein erklärt hat, sollst du nicht unheilig machen. Das geschah dreimal, dann wurde alles wieder in den Himmel hinaufgezogen2/‘ Also hat Gott selbst die Thora widerrufen! So war schon in jener christlichen Urzeit die Gelegenheit und Notwendigkeit gegeben, das öffentliche Rezitieren des Dekalogs im täglichen Gebete abzuschaffen3 * *. 1 Acta 10, 9 ff. 2 Acta 11, 1—11. Eine Polemik gegen diese Vision ist die Erzählung Synhed. 59b, mit der Pointe, nichts für den Genuß Unreines kommt vom Himmel herab: אין דבר טמא יורד מן השמים. 3 Herr Prof. Heinemann, der die Freundlichkeit hatte (Schreiben vom 3. 2. 30), mich auf manch möglichen Einwand gegen meine Ausführungen aufmerksam zu machen, bemerkt zu diesem Punkte: ,,Sie glauben, daß es schon im ersten Jahrhundert Christen gab, die nur den Dekalog hielten. Diese Möglichkeit als solche kann man schwer ausschließen. Ganz sicher aber ist, daß diejenigen Christen, von denen wir aus dem Neuen Testament erfahren, nicht so dachten. Der Dekalog war für sie keineswegs ,mit dem Sittengesetz identisch6; er enthielt weniger, nämlich insbesondere das Gebot der Nächstenliebe, das ein Mann wie Paulus Rö 139 auch dem Dekalog überordnet; er enthielt mehr, nämlich das Gebot des Sabbat, das den Urchristen keinesfalls heiliger war als die Speisegesetze. Gerade Uebertretungen des Sabbatgebotes werden von Jesus berichtet, nach Ihrer Auffassung (S. 106 Anm. 3), die mindestens einen sicheren Kern enthält, sogar die Mißachtung des Gebots der Elternliebe; von der praktischen Uebertretung der Speisegesetze durch ihn weiß die evangelische Ueberlieferung nichts; daher fiel gerade bei diesen die Loslösung vom Judentum besonders schwer; und es ist verständlich, daß der bekannte Apostelbeschluß im Verbot des Tcvtxxov allem Anschein nach wenigstens einen Rest der Speisegesetze zu retten sucht.46 Darauf erwiderte ich: ,,Die in der rabbinischen Quelle erwähnten späteren Christen, die doch den Sabbat verwarfen und sicherlich das Gebot der Nächstenliebe betonten, bezeichnen ausdrücklich (Irenäus adv. haer. IV, 16, 3 f., Origenes, Apostol.