Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zum Machsor Jannai
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 3)
- Language
- German
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96 Die vorliegenden Jannaitexte sind durchgehend bloß teilweise vokalisiert, ganze Sätze und Worte werden überhaupt nicht punktiert, manches nur andeutungsweise zwecks leichterer Lesung mit einem Teil der Vokalzeichen versehen. Es ist daher sicherlich begründet/ mit G. Bergsträßer1 zu fragen, ob es sich also nicht vielleicht um Wiedergabe lautlich identischer Aussprache in zwei Vokalisations- Systemen, dem genaueren tiberischen und dem ungenaueren palästinischen, handeln könnte. In einem Falle, den Kober verzeichnet, haben wir sogar eine Punktation, die der auf gestellten These Kahles vom konsequenten Fehlen der drucklosen Schlußsilbe a zuwiderläuft. Die palästinisch punktierten Texte setzten nach Kahle2 eine Aussprache des Suffixes der 2. Pers. Masc. Sing., wie im Samaritanischen -a/c, voraus und nicht wie nach Angabe der Masoreten zumeist eka bzw. *ka. Schon Eduard Sievers hätte diese Aussprache rein spekulativ, aus metrischen Gründen verlangt und die palästinische Vokalisation beweise, daß die masoretische Form künstliche Konstruktion sei. In den vorliegenden Jannaitexten bezeugt aber eine Stelle3 ausdrücklich die masoretische Aussprache 1ka: להחיבאתיך• Es mögen hier, wie mir scheint, metrische Gründe diese ausnahmsweise gebrauchte Endung bedingt haben, man wird aber doch noch vorher zweierlei erwägen müssen: ob nicht ein rein zufälliges Fehlen von Vokalzeichen die Seltenheit der masoretischen Form in diesen nur teilweise vokalisierten Texten bewirkt; und zweitens, ob nicht in den beiden Punktationen, in der tiberischen wie in der palästinischen, nebeneinander hergehende, verschiedene Ueberlieferungen des sprachliehen Tatbestandes vorliegen, beide also gleichwertig empirisch das Bild des gesprochenen Hebräisch festhaltend. Obwohl der Anlaß für die Untersuchungen die altertümliche palästinische Vokalisation gewesen, ist erfreulicherweise die sachliche Bearbeitung des Textes dabei nicht zu kurz gekommen. Die schwierigen Stücke sind mit Fleiß und Gründlichkeit ediert, meistens tadellos erklärt, auch die Beziehung zwischen Piut und Midrasch wird systematisch belegt. Wenn der dunkle Text an einigen Stellen unerklärt gelassen oder, wie mir scheint, mißverstanden wurde, so ist das bei den Schwierigkeiten, die zumal ältere liturgische Texte, dazu noch schlecht erhalten, dem Verständnis bieten, unvermeidlich und soll den wissenschaftlichen Wert der Bearbeitung mit nichten herabsetzen. 1. Keroba A, IV, Vers 3 (S. 12): זכות אשר האמין והומין והימין [ע]ד עש עם כל מין אשר איתו הטמין Kober läßt das umklammerte Wort unübersetzt mit der Bemerkung: ,,unklarer Sinn“ (S. 25, A. 4). Das Wort soll חסד heißen, wie ausdrücklich aus dem Zusammenhang mit V 6 und 7 derselben Keroba hervorgeht, wo es heißt: במרה אשר זנתה וחייתה זכרתיך בחסד עולם. Die Stelle lautet also: zum Lohn dafür, daß er (Noah) glaubte und (die Arche) vorbereitete und rechten Weg ging und Gnade übte 1 OLZ, Jhg. 27 (1924), S. 582—586. 2 ZATW, Bd. 39 (1921), S. 233. 3 S. 13, A VII, 2c.