Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus der neuen und neuesten Literatur zur Geschichte der Juden in Deutschland [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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seine Behauptung beweisen will, daß wir von jüdischen Acker- und Weinbauern und von Handwerkern (Schmieden, Maurern, Webern, Färbern, Bergleuten u. a.) hören, daß auch die Juden bis ins 11. Jahrhundert dem Heerbann folgten, daß ferner das Dekret des Kaisers Konstantin von 321 auf einem Stein, der in der St. Gereonskirche in Köln gefunden wurde, eingemeißelt ist, wäre für mich interessant zu erfahren. Alles in allem: das wertvolle Buch könnte bei einer Neuauflage durch vom Verfasser geübte Selbstkritik nur gewinnen. Nachdem der erste Band von Kracauer: ,,Geschichte der Juden in Frankfurt (1925) bis in die Zeit vor dem dreißigjährigen Kriege geführt hatte, entrollt der zweite Band, der nach dem Tode Kracauers erschienen und von seiner Frau herausgegeben ist, die Geschichte der Juden bis 1824. Im 10. Kapitel schildert er uns die Frankfurter Juden im dreißigjährigen Kriege, als dieselben alle Mühe hatten, die mannigfaltigen, in die Hunderttausende Gulden gehenden Forderungen der Kriegsführenden abzuweisen. Die jüdische Bevölkerung hatte zumal bei der großen Sterblichkeit am Ende des Krieges abgenommen. In den Jahren nach dem Kriege nahm sie durch die jüdischen Flüchtlinge aus Polen wieder zu. In der Judengasse kämpften insbesondere die Familien Drach und Kann um die Herrschaft; Kaiser und Papst wurden in diese Händel hineingezogen, bis endlich die jüdische Gemeinde selbst durch einen streng geheim gehaltenen Schiedsspruch einen Burgfrieden herbeiführte. Die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts brachten Frankfurt drei schwere Brandunglücke, von denen eins das Ghetto bis auf ein einziges Haus völlig vernichtete. Die nächsten Jahrzehnte, vornehmlich die Zeit Maria Theresia waren angefüllt mit Streitigkeiten zwischen dem Rat der Stadt und den Juden über Verfassungs- und Steuerfragen, ferner mit schweren Zwistigkeiten unter den Kastenherren der Juden. Von der Herkunft, der Zahl, den Berufen, den Sitten und Gebräuchen der Frankfurter Juden des 18. Jahrhunderts gibt Kracauer ein außerordentlich instruktives und interessantes Bild. Erst das Ende des 18. Jahrhunderts brachte Aufklärung, ohne jedoch zunächst praktische Ergebnisse zu zeitigen. Das Toleranzpatent Josefs II. änderte nichts an der Lage der Frankfurter Juden. Unter Franz II. wurde es noch schlimmer. Dazu brachten die französischen Armeen neues Leid für die Juden. Abermals wurde das Ghetto in Trümmer gelegt. Erst 1811 kam es zu dem Emanzipationsedikt Dalbergs, das die Juden zu freien Bürgern machte, aber in dem Zeitalter der Reaktion wieder rückgängig gemacht wurde. Nach schweren Kämpfen hat i. J. 1824 der Senat der Stadt Frankfurt alle'rin der Stadt seßhaften jüdischen Familien und Individuen zu israelitischen Bürgern in dem Staatsuntertanenrecht der freien Stadt Frankfurt erklärt. Soweit geht das Werk, das nur einen Mangel hat, daß die Geistesgeschichte des Frankfurter Ghettos darin fehlt. Sonst ist es eines der gediegensten und zuverlässigsten Arbeiten, die wir auf dem Gebiete jüdischer Lokal- oder Territorialgeschichte besitzen. S. Levi hat in seinen ,,Beiträgen zur Geschichte der ältesten jüdischen Grabsteine in Mainz“ (zum 3. Oktober 1926) einen schätzenswerten Beitrag zur Frühgeschichte der deutschen Juden überhaupt gegeben. Am